2011
Sub-Archive
08.06.2011
Subjektiv und objektiv
Früher war das ein Killerargument: eine subjektive Bibelauslegung. Heute ist man da etwas nachdenklicher geworden, was objektive Wahrheiten angeht.
Heute in einem Beitrag im TAGESANZEIGER:
"Dieses Spiel, das man jeden Abend im Fernsehen in den Talkshows verfolgen kann mit Kontrahenten, die sich auf den Kopf hauen, ist kein dramaturgisches Mittel, das fürs Kino taugt. Die Pseudo-Objektivität dieser Pros und Contras interessiert mich nicht. Man kommt der Wahrheit näher, wenn man sich auf eine subjektive Perspektive einlässt."
Pepe Danquart, Regisseur von "Joschka und Herr Fischer"
Dass das kein dramaturgisches Mitel ist und dass das im Kino niemand interessiert, mag ja sein. Und man kann das ja auch traurig finden. Und trotzdem meine ich, dass da etwas Wahres dran ist mit der Subjektivität.
26.05.2011
Mein ist die Rache
Ein ärgerliches Missverständnis ist nicht auszurotten: Der rächende Gott
In einem ansonsten guten Artikel im "Tagesanzeiger": "Warum Rache nicht süss ist" habe ich heute (wieder einmal) gelesen zu "Mein ist die Rache, spricht Gott" (Röm 12,19; Hebr 10,30; vgl. Dtn 32,35.41): "Man muss das Richten nicht gleich an Gott delegieren. In weltlichen Zeiten genügt dafür auch ein funktionierender Rechtsstaat." Zum einen meine ich, dass das in biblischen Zeiten genau das Problem war, dass es diesen Rechtsstaat nicht gab. Andererseits hat es noch nie einen Gott gegeben, der Rache übte. Wieso ist dieses Fehlurteil einfach nicht auszurotten? Ich bin inzwischen massiv für ein Moratorium der Rede von/über "Gott". Wenn es irgendwie geht, ersetze ich den Begriff "Gott" durch "das Leben"; und ich habe meist gute und verblüffende Erfahrungen gemacht. Die Pointe des Bibelwortes scheint mir doch zu sein: 1. Es ist nicht Sache von Menschen, Rache zu üben. 2. Verlasst euch darauf, dass Gerechtigkeit geschieht; durch "Gott" - oder wie ich sagen würde: durch das Leben.
06.05.2011
Menschen und Christen
Haben wir inzwischen eigentlich eine moralische Zweiklassengesellschaft?
Im Zusammenhang mit Kommentaren zur Hinrichtung Osama bin Ladens fiel mir mehrmals auf, dass "political correct" Empörte es schon schlimm finden, wenn "Menschen" sich darüber freuen können. Ganz besonders schlimm wird es aber, wenn man sich "als Christ" darüber freut.
Wozu braucht es diese Unterscheidung? Bisher habe ich mich immer "als Mensch" über etwas gefreut - wenn auch nicht über Hinrichtungskommandos. Und dass Christen die besseren Menschen sind, darf ja wohl mit einigem Recht bezweifelt werden.
"Denn wie das Prasseln der Dornen unter dem Kessel, /
so ist das Lachen des Ungebildeten." Kohelet 7,6
10.03.2011
Von Originalisten und Fundamentalisten
Kann die jeweilige Interpretation eines Grundlagentextes den Fachleuten überlassen werden? Oder braucht es die jeweils neue Verständigung innerhalb des "Volkes"?
Unter der Überschrift «Dieser Krieg ist nicht nur unser Krieg» veröffentlichte die NZZ heute einen Beitrag über den US-Bundesrichter Antonin Scalia, der gerade auf Einladung des Europainstituts in der Schweiz weilt.
Für mich spannend an diesem Beitrag war die Information, Scalia verstehe sich als «Originalist». Das bedeutet, dass er einer Denkschule angehört, welche Verfassungsartikel so auslegt, wie sie zur Zeit ihrer Annahme gemeint waren. Logischerweise steht Scalia deshalb häufig im Konflikt mit denjenigen, die gewandelte Wertmassstäbe postulieren und diese ihren Interpretationen der Verfassung zugrunde legt. Nach Ansicht Scalias eröffne ein solches Vorgehen aber «der Willkür beziehungsweise der Herrschaft einer elitären Richterklasse Tür und Tor.» Wenn sich das Verständnis der Verfassung oder Rechtsnormen ändern, dann müssten solche Änderungen vom Volk und den Volksvertretern kommen, nicht von Gerichten, die die Verfassung in ihrem Sinne "aktualisieren".
Ich kann mir nicht helfen: Ich muss dabei an die Exegese denken. Was machen wir, wenn wir die Bibel auslegen? Ist Scaglia ein Vertreter der «historischen Kritik» (Autorenintention) und bekämpft die «Charismatiker» (wie es der Geist eingibt)? Oder ist er einfach ein «Fundamentalist» und mag keine «Fachexegeten»? Oder ist das noch einmal ganz anders zu sehen? Was ist dabei «Schrift» und was ist «Tradition»? Gibt es auch so etwas wie das «lebendige Wort» einer Verfassung?
08.03.2011
Von Engeln und Nächten
Kommen nun Engel oder nicht?
Der Ölbaumgarten
Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. o namenlose Scham...
Später erzählte man, ein Engel kam - .
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.
Es ist nun schon einige Zeit her, dass mir dieses Gedicht begegnet ist. Und gerade jetzt, vor Beginn der Fastenzeit, ist es mir wieder in den Sinn gekommen.
Rilke schreibt an gegen die Bibel. Aus eigener Erfahrung. Wo Lukas den Engel in den Ölbaumgarten (Lk 22,43) kommen sieht, besteht Rilke auf seiner eigenen Erfahrung: Engel kommen nicht zu solchen Betern!
Hat Rilke wenigstens die beiden anderen Synoptiker auf seiner Seite? Sie nämlich wissen nichts von Engeln in der tiefsten Nacht.
Aber auch das kann man anders sehen: Sie - anders als Lukas - erzählen von der Frau, die Jesus auf sein Begräbnis hin salbt (Mk 14,3ff; Mt 26,6ff). Eine Botin Gottes, ein Engel, der sieht, wer hier wirklich arm ist...

