März
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10.03.2011
Von Originalisten und Fundamentalisten
Kann die jeweilige Interpretation eines Grundlagentextes den Fachleuten überlassen werden? Oder braucht es die jeweils neue Verständigung innerhalb des "Volkes"?
Unter der Überschrift «Dieser Krieg ist nicht nur unser Krieg» veröffentlichte die NZZ heute einen Beitrag über den US-Bundesrichter Antonin Scalia, der gerade auf Einladung des Europainstituts in der Schweiz weilt.
Für mich spannend an diesem Beitrag war die Information, Scalia verstehe sich als «Originalist». Das bedeutet, dass er einer Denkschule angehört, welche Verfassungsartikel so auslegt, wie sie zur Zeit ihrer Annahme gemeint waren. Logischerweise steht Scalia deshalb häufig im Konflikt mit denjenigen, die gewandelte Wertmassstäbe postulieren und diese ihren Interpretationen der Verfassung zugrunde legt. Nach Ansicht Scalias eröffne ein solches Vorgehen aber «der Willkür beziehungsweise der Herrschaft einer elitären Richterklasse Tür und Tor.» Wenn sich das Verständnis der Verfassung oder Rechtsnormen ändern, dann müssten solche Änderungen vom Volk und den Volksvertretern kommen, nicht von Gerichten, die die Verfassung in ihrem Sinne "aktualisieren".
Ich kann mir nicht helfen: Ich muss dabei an die Exegese denken. Was machen wir, wenn wir die Bibel auslegen? Ist Scaglia ein Vertreter der «historischen Kritik» (Autorenintention) und bekämpft die «Charismatiker» (wie es der Geist eingibt)? Oder ist er einfach ein «Fundamentalist» und mag keine «Fachexegeten»? Oder ist das noch einmal ganz anders zu sehen? Was ist dabei «Schrift» und was ist «Tradition»? Gibt es auch so etwas wie das «lebendige Wort» einer Verfassung?
08.03.2011
Von Engeln und Nächten
Kommen nun Engel oder nicht?
Der Ölbaumgarten
Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. o namenlose Scham...
Später erzählte man, ein Engel kam - .
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.
Es ist nun schon einige Zeit her, dass mir dieses Gedicht begegnet ist. Und gerade jetzt, vor Beginn der Fastenzeit, ist es mir wieder in den Sinn gekommen.
Rilke schreibt an gegen die Bibel. Aus eigener Erfahrung. Wo Lukas den Engel in den Ölbaumgarten (Lk 22,43) kommen sieht, besteht Rilke auf seiner eigenen Erfahrung: Engel kommen nicht zu solchen Betern!
Hat Rilke wenigstens die beiden anderen Synoptiker auf seiner Seite? Sie nämlich wissen nichts von Engeln in der tiefsten Nacht.
Aber auch das kann man anders sehen: Sie - anders als Lukas - erzählen von der Frau, die Jesus auf sein Begräbnis hin salbt (Mk 14,3ff; Mt 26,6ff). Eine Botin Gottes, ein Engel, der sieht, wer hier wirklich arm ist...

