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Dieter Bauer

22.02.2012

Mein Gottesexperiment

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 22.02.2012 21:29
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Mich treibt schon lange etwas um: Kann man das Wort "Gott" nicht auch durch "das Leben" ersetzen? Und könnte das nicht theologisch sogar produktiv sein?

Vor ca. drei Jahren hatte ich eine erzwungene "Auszeit" von drei Wochen im Krankenhaus. Vier Männer aus drei Nationen von 30-70 auf einem Zimmer. Für viele vielleicht eine Horrorvorstellung (Ja - alle haben geschnarcht!) - für mich eine ganz wichtige positive Erfahrung. Jedenfalls hatte ich u. a. intensive Gespräche mit einem 70jährigen Bettnachbarn, der auf Grund seiner Lebensgeschichte meinte, nicht mehr "Gott" sagen zu können. Sein Problem: "Wem soll ich für mein Leben danken?" - und er hatte wirklich schlimme Schicksalsschläge zu verkraften gehabt.

Da kam mir die Idee: "Danken Sie doch einfach dem Leben."

Ich habe es inzwischen immer wieder selber versucht: Wenn mir eine theologische Gottes-Aussage seltsam vorkam, habe ich Ersetzung versucht. Meistens ist es erhellend: z. B. "Gott ist ungerecht." - "Das Leben ist ungerecht."

Ich glaube auch, dass Gottesferne sehr gut mit Lebensferne übersetzt werden kann. Aber ich bin noch ganz am Anfang mit meinem Gottesexperiment.

09.02.2012

Der Engel, scheint mir, hat Humor

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 09.02.2012 21:47
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Heute in der WerkstattBibel eine beglückende Entdeckung gemacht: Der Engel, der dem Priester Zacharias die geburt seines Sohnes ankündigt, scheint Humor zu haben.

Die Kindheitsgeschichte des späteren Täufers Johannes beginnt ja nach Lukas mit der Schilderung des Elternpaares Elisabet und Zacharias, die so fromm sind, dass es einen fast nicht wundert, dass sie keine Kinder bekommen können. Die Jahre vergehen und die Hoffnung ist dahin, nachdem vom Alter her eine Geburt nicht mehr möglich ist.

Mit einem Paukenschlag steht dann plötzlich ein Engel neben dem Altar und verkündet dem Zacharias, sein Gebet sei erhört worden.

Es ist nicht überliefert, aber ich glaube, die erste Frage des Zacharias war: "Welches Gebet meinst Du denn, bitte?" und  nicht: "Woran soll ich erkennen ...?"

Wer betet denn nach so vielen Jahren um Kinder? Der Engel, scheint mir, hat Humor.

02.02.2012

„Wie“ bedeutet in der Bibel: „so nicht“.

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 02.02.2012 16:47
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In einem Beitrag über die Taufe Jesu nach Markus gelesen: „In der Tauferzählung fährt er [sc. der Geist] in der Gestalt einer Taube auf Jesus nieder.“ Das steht aber so nicht da!

Im Markustext steht weder etwas von der „Gestalt einer Taube“, noch vom „Herniederfahren“. Genau genommen steht nicht einmal da, dass der Geist dies getan habe, sondern nur, dass Jesus etwas „sah“, nämlich: „den Geist wie eine Taube herabsteigend auf ihn“. Diesem „Herabsteigen“ des Geistes aus den Himmeln entsprach das „Heraufsteigen“ Jesu aus dem Wasser. Da übersetzt man auch nicht „herausfahren“.
Was ich aber am Bedenklichsten finde: Jesus sieht den Geist herabkommen wie eine Taube. Das „wie“ bezieht sich sicher nicht auf die Gestalt, sondern auf das Herabkommen, ist also wesentlich offener für Tauben-Assoziationen. M. E. wird hier mit dem Motiv der Liebesboten der Göttin auf die Liebesbeziehung Gottes mit dem Menschen Jesus von Nazaret angespielt, der in V. 11 auch tatsächlich als „der Geliebte“ angesprochen wird. Wilhelm Willms hat einmal im Zusammenhang mit dem Geist und Maria formuliert: „Er kommt auf Taubenfüssen dich zu grüssen.“
Dieses „wie“ ist in der Apokalyptik sehr geläufig und hält etwas offen, an das man sich nur assoziativ annähern kann, weil man es nicht genauer weiss. Eigentlich heisst „wie“: „so (sicher) nicht, aber so ungefähr“. Wenn ich es vereindeutige, indem ich ihm „Gestalt“ verleihe, wie es Maler (und Übersetzer) gerne tun, mache ich das Bild kaputt.

03.01.2012

Nicht über´s bessere Leben nur reden ...

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 03.01.2012 21:24
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Ein Poet hat heute im "Tagesanzeiger" beschreiben, was für ihn ein gutes Gedicht ausmacht: es kann Menschen am "richtigen" Leben partizipieren lassen. Trifft das nicht auch auf biblische Texte zu?

Es gibt ja bekanntlich Zeugnisse von Inhaftierten, die nur durch das Rezitieren von Gedichten überlebt haben. Auf die Frage eines Journalisten, wie so etwas erklärbar sei, hat heute ein Dichter im "Tagesanzeiger" gesagt: "Gedichte sind kleine Modelle richtigen Lebens. ,Richtig' im Sinne von: Leben, das diesen Namen verdient. Und wenn es nun Menschen gibt, die gezwungen sind, ein Leben zu führen, das diesen Namen eigentlich nicht verdient, dann können Gedichte offenbar zum letzten Vehikel werden, durch das diese Menschen am ,richtigen' Leben partizipieren. Das Gedicht redet ja nicht übers bessere Leben (Gedichte, die das tun, sind selten gut), es ist ein Stück besseres Leben."

Ich meine, genau so ist es auch mit biblischen Texten!

08.06.2011

Subjektiv und objektiv

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 08.06.2011 22:28
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Früher war das ein Killerargument: eine subjektive Bibelauslegung. Heute ist man da etwas nachdenklicher geworden, was objektive Wahrheiten angeht.

Heute in einem Beitrag im TAGESANZEIGER: 

"Dieses Spiel, das man jeden Abend im Fernsehen in den Talkshows verfolgen kann mit Kontrahenten, die sich auf den Kopf hauen, ist kein dramaturgisches Mittel, das fürs Kino taugt. Die Pseudo-Objektivität dieser Pros und Contras interessiert mich nicht. Man kommt der Wahrheit näher, wenn man sich auf eine subjektive Perspektive einlässt." 

Pepe Danquart, Regisseur von "Joschka und Herr Fischer"

Dass das kein dramaturgisches Mitel ist und dass das im Kino niemand interessiert, mag ja sein. Und man kann das ja auch traurig finden. Und trotzdem meine ich, dass da etwas Wahres dran ist mit der Subjektivität.

26.05.2011

Mein ist die Rache

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 26.05.2011 23:56
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Ein ärgerliches Missverständnis ist nicht auszurotten: Der rächende Gott

In einem ansonsten guten Artikel im "Tagesanzeiger": "Warum Rache nicht süss ist" habe ich heute (wieder einmal) gelesen zu "Mein ist die Rache, spricht Gott" (Röm 12,19; Hebr 10,30; vgl. Dtn 32,35.41): "Man muss das Richten nicht gleich an Gott delegieren. In weltlichen Zeiten genügt dafür auch ein funktionierender Rechtsstaat." Zum einen meine ich, dass das in biblischen Zeiten genau das Problem war, dass es diesen Rechtsstaat nicht gab. Andererseits hat es noch nie einen Gott gegeben, der Rache übte. Wieso ist dieses Fehlurteil einfach nicht auszurotten? Ich bin inzwischen massiv für ein Moratorium der Rede von/über "Gott". Wenn es irgendwie geht, ersetze ich den Begriff "Gott" durch "das Leben"; und ich habe meist gute und verblüffende Erfahrungen gemacht. Die Pointe des Bibelwortes scheint mir doch zu sein: 1. Es ist nicht Sache von Menschen, Rache zu üben. 2. Verlasst euch darauf, dass Gerechtigkeit geschieht; durch "Gott" - oder wie ich sagen würde: durch das Leben.

06.05.2011

Menschen und Christen

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 06.05.2011 10:25
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Haben wir inzwischen eigentlich eine moralische Zweiklassengesellschaft?

Im Zusammenhang mit Kommentaren zur Hinrichtung Osama bin Ladens fiel mir mehrmals auf, dass "political correct" Empörte es schon schlimm finden, wenn "Menschen" sich darüber freuen können. Ganz besonders schlimm wird es aber, wenn man sich "als Christ" darüber freut.
Wozu braucht es diese Unterscheidung? Bisher habe ich mich immer "als Mensch" über etwas gefreut - wenn auch nicht über Hinrichtungskommandos. Und dass Christen die besseren Menschen sind, darf ja wohl mit einigem Recht bezweifelt werden.
"Denn wie das Prasseln der Dornen unter dem Kessel, /
so ist das Lachen des Ungebildeten." Kohelet 7,6

10.03.2011

Von Originalisten und Fundamentalisten

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 10.03.2011 19:25
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Kann die jeweilige Interpretation eines Grundlagentextes den Fachleuten überlassen werden? Oder braucht es die jeweils neue Verständigung innerhalb des "Volkes"?

Unter der Überschrift «Dieser Krieg ist nicht nur unser Krieg» veröffentlichte die NZZ heute einen Beitrag über den US-Bundesrichter Antonin Scalia, der gerade auf Einladung des Europainstituts in der Schweiz weilt.

Für mich spannend an diesem Beitrag war die Information, Scalia verstehe sich als «Originalist». Das bedeutet, dass er einer Denkschule angehört, welche Verfassungsartikel so auslegt, wie sie zur Zeit ihrer Annahme gemeint waren. Logischerweise steht Scalia deshalb häufig im Konflikt mit denjenigen, die gewandelte Wertmassstäbe postulieren und diese ihren Interpretationen der Verfassung zugrunde legt. Nach Ansicht Scalias eröffne ein solches Vorgehen aber «der Willkür beziehungsweise der Herrschaft einer elitären Richterklasse Tür und Tor.» Wenn sich das Verständnis der Verfassung oder Rechtsnormen ändern, dann müssten solche Änderungen vom Volk und den Volksvertretern kommen, nicht von Gerichten, die die Verfassung in ihrem Sinne "aktualisieren".

Ich kann mir nicht helfen: Ich muss dabei an die Exegese denken. Was machen wir, wenn wir die Bibel auslegen? Ist Scaglia ein Vertreter der «historischen Kritik» (Autorenintention) und bekämpft die «Charismatiker» (wie es der Geist eingibt)? Oder ist er einfach ein «Fundamentalist» und mag keine «Fachexegeten»? Oder ist das noch einmal ganz anders zu sehen? Was ist dabei «Schrift» und was ist «Tradition»? Gibt es auch so etwas wie das «lebendige Wort» einer Verfassung?

08.03.2011

Von Engeln und Nächten

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 08.03.2011 16:56
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Kommen nun Engel oder nicht?

Der Ölbaumgarten

Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. o namenlose Scham...

Später erzählte man, ein Engel kam - .

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

Rainer Maria Rilke

 

 

Es ist nun schon einige Zeit her, dass mir dieses Gedicht begegnet ist. Und gerade jetzt, vor Beginn der Fastenzeit, ist es mir wieder in den Sinn gekommen.

Rilke schreibt an gegen die Bibel. Aus eigener Erfahrung. Wo Lukas den Engel in den Ölbaumgarten (Lk 22,43) kommen sieht, besteht Rilke auf seiner eigenen Erfahrung: Engel kommen nicht zu solchen Betern!

Hat Rilke wenigstens die beiden anderen Synoptiker auf seiner Seite? Sie nämlich wissen nichts von Engeln in der tiefsten Nacht.

Aber auch das kann man anders sehen: Sie - anders als Lukas - erzählen von der Frau, die Jesus auf sein Begräbnis hin salbt (Mk 14,3ff; Mt 26,6ff). Eine Botin Gottes, ein Engel, der sieht, wer hier wirklich arm ist

...

21.09.2010

"Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch"

von Dieter Bauer — Letzte Änderung 21.09.2010 13:55
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Alles ist eitel

Immer mehr Menschen fragen sich, ob nicht sowieso alles für die Katz ist. Auch Kohelet war nicht sehr davon überzegt, dass es viele Dinge auf dieser Welt gibt, die wirklich wichtig sind. Blogs kannte er natürlich noch nicht. Aber sicher hätte er sich auch da gefragt:  Wozu braucht es Blogs? Sind sie wirklich wichtig?

"Im Übrigen, mein Sohn, meine Tocheter, lasst euch warnen! Es nimmt kein Ende mit dem vielen Bücherschreiben und viel Studieren ermüdet den Leib." (Koh 12,12)

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