Von Engeln und Nächten
Kommen nun Engel oder nicht?
Der Ölbaumgarten
Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. o namenlose Scham...
Später erzählte man, ein Engel kam - .
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.
Es ist nun schon einige Zeit her, dass mir dieses Gedicht begegnet ist. Und gerade jetzt, vor Beginn der Fastenzeit, ist es mir wieder in den Sinn gekommen.
Rilke schreibt an gegen die Bibel. Aus eigener Erfahrung. Wo Lukas den Engel in den Ölbaumgarten (Lk 22,43) kommen sieht, besteht Rilke auf seiner eigenen Erfahrung: Engel kommen nicht zu solchen Betern!
Hat Rilke wenigstens die beiden anderen Synoptiker auf seiner Seite? Sie nämlich wissen nichts von Engeln in der tiefsten Nacht.
Aber auch das kann man anders sehen: Sie - anders als Lukas - erzählen von der Frau, die Jesus auf sein Begräbnis hin salbt (Mk 14,3ff; Mt 26,6ff). Eine Botin Gottes, ein Engel, der sieht, wer hier wirklich arm ist...

