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Peter Zürn

12.03.2013

Gestillt oder entwöhnt?

von Peter Zürn — Letzte Änderung 12.03.2013 17:30
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Psalm 131 zeichnet ein Bild von Gottesbeziehung - für die Seele bei Gott. Zeigt das Bild einen Säugling, der völlig auf die Versorgung durch die Mutter angewiesen ist oder zeigt es ein entwöhntes Kind, das auch festere Nahrung verdauen und Zeiten aushalten kann, in denen es nicht sofort befriedigt wird?

Bei der Jahresversammlung der IGB, der Interessenvertretung Bibliodrama, stand Psalm 131 im Zentrum. Ein Übersetzungsvergleich war einer der Schritte, ihm näher zu kommen. Der zeigte den strittigen und deswegen spannenden Punkt: Vers 2 - ein Bild von der Seele bei Gott. Ist sie ruhig wie ein gestilltes Kind bei der Mutter, wie es in einigen Übersetzungen hiess oder wie ein entwöhntes Kind (BigS, Buber, Zürcher)? Die Gute Nachricht und die Einheitsübersetzung legen sich nicht ganz fest und übersetzen "wie ein sattes" bzw. wie ein "kleines Kind". Das gestillte, satte und kleine Kind lassen aber ein ähnliches Bild der Seele entstehen: zufrieden und ge/erfüllt bei der Mutter Gott liegend. Ruhig heisst dann zufrieden dösend, schon fast schlafend. Gott ist der/die grosse Versorger/in, die Seele ist die Aufnehmende, aber auch die Angewiesene und Abhängige. Da lässt sich leicht die Kirche ins Spiel bringen, die genau solche Seelen braucht, die sie stellvertretend für Gott stillen kann...

Ganz anders ist es, wenn es um das abgestille, das entwöhnte Kind geht. Ruhig ist es, weil es nicht mehr sofort schreit, wenn es Hunger hat. Es kann warten, hat Vertrauen gewonnen. Es hat Selbständigkeit gewonnen. Und es kann feste Nahrung zu sich nehmen und verdauen. Was heisst das für die Seele bei Gott? Sie hält es aus, wenn die Gottesbeziehung nicht immer nährt. Sie ist nicht abhängig, sondern einen wesentlichen Schritt vorangekommen in der Selbständigkeit. Ein Stück weit gereift, mit immer mehr Lebenserfahrung. Sie kann warten und sie kann auch etwas verdauen, was nicht so leicht runtergeht wie Milch. Etwas, das zu beissen gibt. Kritische Fragen an Gott und die Welt, Zweifel, Erfahrungen, die nicht aufgehen, die verunsichern und herausfordern...

Das Wort, das in Psalm 131 verwendet wird, kommt von der hebräischen Wurzel glm. Sie bedeutet reifen, entwöhnen. Die Stellen, an der es in der Bibel auftaucht, sprechen klar für das entwöhnte, nicht für das gestillte Kind: 1 Sam 1,23 und 24: Hannah bringt ihren Sohn erst in den Tempel, nachdem sie ihn entwöhnt hat. Hosea 1,8: Gomer wird wieder schwanger, nachdem sie ihr ersten Kind entwöhnt hatte. Jes 28,9 braucht das Bild von den entwöhnten Kindern im Kontext von Lehre und Weitergabe von Erkenntnis, allerdings im negativen Sinn. Falsche Propheten sprechen so, als würden sie sich an Kinder wenden, die man eben erst von der Milch entwöhnt hat. Das heisst doch, sie bringen Erkenntnisse, die Menschen nicht als reife Persönlichkeiten mit erwachsenem Glauben ansprechen, der schon durch Krisen gegangen ist, sondern sie in ihrem Kinderglauben festhalten wollen. Mir kommt Paulus mit seinem Brief an die Gemeinde in Korinth in den Sinn, der die Menschen dort eher noch in der Säuglingsphase des Glaubens und der Gottesbeziehung wahrnimmt und schreibt: "Vor euch konnte ich nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise, denn diese konntet ihr noch nicht vertragen" (1 Kor 3,1-2). Auch wenn Jesaja die Zeit der Mündigkeit später ansetzt als bei der Entwöhnung von der Muttermilch, so ist die Entwöhnung, das Abstillen doch ein Schritt, sich von der Milch hin zu fester Speise zu entwickeln, im Glauben zu reifen. Die geisterfüllte Seele, die Paulus gerne ansprechen würde, ist nicht mehr im Kinderglauben verhaftet, dass Gott schon alles richten wird, dass die Mutter Kirche schon für alles sorgen wird, dass die ideale Glaubenshaltung die des ruhig gestellten und abhängigen Säuglings ist.

08.02.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Teruma - Spende (Ex 25,1-27,9)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 08.02.2013 21:35
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Im Zelt der Begegnung /Tempel gibt es heilige und allerheiligste Räume. In unserer Welt und unserem Leben gibt es nicht heilig oder unheilig, sondern heilig und sehr heilig.

Mit dieser Wochenlesung beginnt im Buch Exodus die Darstellung des Begegnungszeites, dem transportablen "Vorbild" des späteren Tempels. Um das Begegnungszeit geht es jetzt bis zum Ende des Buches. Goldberger weisst auf zwei wichtige Eigenheiten der Tora hin, die unser ganze Bild der Bibel verändern sollten:

1. Die Tora erzählt über die Entstehung des Zeltes der Begegnung 10mal mehr als über die Entstehung der Welt. Und die Textmenge zum Begegnungszelt übersteigt auch bei weitem die Texte mit Geboten und Verboten.
2. In der christlichen Tradition heisst das zweite Buch der Tora "Exodus", weil es von der Befreiung aus Ägypten handelt. Aber 5 von den 11 Wochenlesungen handeln eben von der Errichtung des Zeltes der Begegnung.

Goldberger folgert der rabbinischen Tradition entsprechend daraus:
1. Dass die Tora mehr daran interessiert ist, dass wir in unserer Mitte einen Ort der Begegnung mit Gott gestalten als an allem anderen  - dass wir die Entstehung der Welt durchschauen oder die richtigen Gesetze befolgen...
2. Der Exodus, die Befreiung aus Ägypten, kommt nicht am Sinai zu ihrem Ende und Höhepunkt, sondern in der Errichtung des Begegnungszeltes. Dass wir jederzeit einen Ort gestalten können, an dem wir Gott begegnen, ist das Ziel des Exodus und sichert die erlangte Freiheit.
Das Judentum ist in der christlichen antijüdischen Polemik als Religion des Gesetzes verunglimpft worden. Leider nicht als Religion der Begegnung mit Gott, was der Tora mehr entsprechen würde.

Ein Gedanke Goldbergers zum Text der Wochenlesung ist noch besonders wichtig und anregend: Im Zelt der Begegnung gibt es zwei Räume, einen heiligen und allerheiligsten Raum. So ist die Welt und unser Leben: Es gibt nicht heilig und unheilig, sondern mehr oder weniger heilig. Das ist eine wunderbare Anregung für den offenen, neugierigen und wohlwollenden Blick auf die Welt und den gnädigen Blick auf das eigene Leben.

02.02.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Mischpatim - Rechtsvorschriften (Ex 21,1-24,18)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 02.02.2013 21:44
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Michael Goldberger erzählt einen Witz, der vielleicht deutlich macht, was der Unterschied ist zwischen jüdischem und christlichem Umgang mit der Bibel: Anlässlich eines Symposiums müssen ein Rabbiner und ein Pfarrer das Hotelzimmer teilen. Am Morgen sagt der Pfarrer zum Rabbi: Ich hoffe, Sie konnten gestern gut einschlafen. Weil ich doch das Licht so lange habe brennen lassen. Wissen Sie, ich kann nachts nicht einschlafen, ohne mindestens eine halbe Stunde in der Bibel gelesen zu haben. Worauf der Rabbi antwortet: Bei mir ist es umgekehrt. Wenn ich eine halbe Stunde in de Tora lese, kann ich überhaupt nicht einschlafen.

"Wenn man in der Thora auf eine Textstelle stösst, die zunächst einmal schockiert, etwa auf den Juden, der seine Tochter als Magd verkauft (VGL. Ex 21,7) oder den Vergewaltiger, der sein Opfer heiraten soll (VGL. Ex 22,15), so bieten sich verschiedene Möglichkeiten an, diesen Schock zu bewältigen. Die erste ist, das geschriebene Wort für bare Münze zu nehmen, die aber nicht mehr gangbar ist. "Damals" hätten eben andere Zustände geherrscht, wir aber hätten diese primitiven und schlimmen Zeiten Gott sei Dank ja längst überwunden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, in diesen Stellen die Bestätigung für das grausame archaische Joch des Gesetzes zu finden, welches ebenfals längst abgeschüttelt sei. Die nächste Möglichkeit besteht darin, heikel-lästige Passagen der Thora zu ignorieren und aus der Schrift nur jene Teile herauszuklauben, die genehm und akzeptabel sind.
Jemandem aber, dem sein Judentum lieb ist, der ein modernes Leben im 21. Jahrhundert führen will, ohne die Thora, die ihm wert ist, zu diesem Zweck über Bord zu werfen, steht ein vierter Weg offen: die weitgehende Interpretation jedes Thoraabschnittes, wie es der Talmud - und damit das rabbinische Judentum überhaupt - demonstriert ... Die Thora kann nicht einfach gelesen werden. Sie muss gelernt und fortlaufend interpretiert werden und gibt erst so ihren Sinn allmählich preis. Die Offenbarung der Thora dauert an und hält jeden, der dafür bereit ist, wach" (Goldberger 218f.).
"Ozean der Lehre" betitelt Gotldberger seinen Beitrag zur Wochenlesung Mischpatim, aus dem ich hier ausführlich zitiert habe. Lassen wir uns einladen, auf diesem vierten Weg mitzugehen. Ich lade sie zu einer wachen Zeit mit diesen beiden angesprochenen Versen ein. Wie können wir den Vers vom Verkauf der Tochter als Magd oder Sklavin in Ex 21,7 oder den Vers vom Vergewaltiger, der sein Opfer heiraten soll in Ex 22,15 heute interpretieren, damit sie ihren Sinn als Teil der Tora, der Weisung zum Leben, preis geben?

30.01.2013

Die christliche Bibel beeinflusst die jüdische Bibel

von Peter Zürn — Letzte Änderung 30.01.2013 16:37

Die Septuaginta ist die Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische. Das aus dem Judentum entstehende Christentum übernimmt die Septuaginta als Altes Testament. So war bisher etwas vereinfacht meine Vorstellung. Jetzt hat aber Heinz-Josef Fabry mit seinem Artikel "Ein Gott - zwei Testamente - drei Kanones" (in: Erinnerungskultur in der pluralen Gesellschaft, hrsg. von Reinhold Boschki und Albert Gerhards, Paderborn 2010) meine Vorstellungen ziemlich durcheinander gebracht. Es spricht viel dafür, dass die Septuaginta zwar aus der hebräischen Bibel übersetzt, gleichzeitig aber die ältere Anordnung der Schriften im Kanon darstellt. D.h. dass die Reihenfolge der Bücher in der hebräischen Bibel das Werk späterer, rabbinischer Gelehrter ist, vermutlich der Masoreten im 10. Jahrhundert, die auch die Vokalisation eingefügt haben. Und es spricht viel dafür, dass die Änderung der Reihenfolge der Bücher eine Reaktion auf die christliche Bibel ist.

Konkret bewahrt die Septuaginta eine Reihenfolge, die einer "historischen" Leitlinie folgt. Es wird die Geschichte des Volkes Israel erzählt, beginnend bei der Erschaffung der Welt. Für das Christentum war das sehr sinnvoll, denn das Alte Testament wurde so zu einer grossen Brücke, die zur Geschichte Jesu Christi hinführte. Das rabbinische Judentum unterbrach diese Brücke gleichsam, indem es mehrere Brückenpfeiler abriss und an anderer Stelle einfügte. So zum Beispiel das Buch Rut, das aus dem historischen Zusammenhang nach dem Buch der Richter und vor den Büchern Samuel herausgenommen und zu den späteren Schriften versetzt wurde. Warum? Das Buch Rut ist die Brücke zur Königsdynastie des Hauses David, an die das Christentum mit seinem Messias Jesus, dem Sohn Davids anbaute. Diesen Übergang wollte man unterbrechen und verlegte darum das Buch Rut. 

Fabry bringt weitere Beispiele. Für mich ist entscheidend, dass es zwischen Hebräischer Bibel, Septuaginta und Altem Testament ein komplexes Beziehungsnetz von gegenseitiger Beeinflussung gab und gibt.

28.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung (und zu Krise und Reform in der katholischen Kirche): Jitro (Ex 18,1-20,23)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 28.01.2013 17:30
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Gottes Gegenwart hängt nicht an bestimmten Orten und seien sie für die Tradition noch so wichtig, sondern am dem, was an diesen Orten möglich ist.

Mose ist überlastet. Alles hängt an ihm. Goldberger formuliert etwas ironisch: "Die recht elementare Idee, sich durch Ratgeber helfen zu lassen, kommt ihm nicht in den Sinn" (208). Da kommt Jitro, sein Schwiegervater und erfahrener Priester, allerdings nicht des Gottes Israels. Er wird Moses helfen und für Entlastung sorgen. Vorher aber fragt er Moses: "Was ist das, was du dem Volk antust? Warum sitzt du allein und das Volk umringt dich?" (Ex 18,14). Ihn interesiert also nicht in erster Linie, was sich Moses selbst antut, wenn er sich um alles kümmert und sich für unersetzlich hält. Jitro will nicht Mose vor Schaden bewahren, sondern das Volk. Goldberger: "Jitro warnt Moses davor, sich nicht als einzige Autorität dazustellen und so andere Menschen an der Entwicklung ihres geistigen Potentials zu hindern. "Wenn du", so scheint Jitro seinem Schweigersohn zu sagen, "weiterhin alleine richten wirst, so wird jeder Jude denken, dass nur du, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat, die Lehre verbreiten darf. Niemand wird die Gesetze studieren, sondern sich entmutigt auf dein Wort verlassen" (208f.).
Ich lese in dieser Auslegung des Wochentextes eine Weisung für mich als Schriftgelehrten und Bibellehrer. Ich lade alle überlasteten Verantwortlichen in der katholischen Kirche, nicht nur die Priester, aber natürlich die auch, dazu ein, sich ebenfalls angesprochen zu fühlen.
Es geht noch weiter. Goldberger nimmt in einer anderen Auslegung der Wochenlesung wahr, dass der Sinai, an dem die zentrale Offenbarung der Tora und der Bundesschluss sich ereignet haben, nicht zu einem jüdischen Heiligtum und Wallfahrtort geworden ist. Ja es heisst sogar, dass die jüdischen Gelehrten sogar davon ausgehen, dass sich die Schechina, die Gegenwart Gottes, nach der Offenbarung wieder vom Sinai entfernt hat (Rabbi Acha in Exodus Rabba 2,2). Warum? Weil bei der Offenbarung am Sinai das Volk Israel aus Überwältigung letztlich passiv geblieben ist. So hielt Gott einen Monolog. Der Tempel und später die Synagoge sind Orte, an denen die Gegenwart und Heiligkeit Gottes bleibt. Denn Tempel und Synagoge sind Orte des Dialogs zwischen Gott und Menschen sowie von Mensch und Mensch. Goldberger wünscht sich Synagogen, die wie der ursprüngliche Tempel verschiedene Eingänge haben, als Zeichen dafür, dass es allen Juden möglich sein muss, Zugang zu finden und teilzuhaben an der Heilung der Welt durch Gottesdienst und gute Taten (214).
Mein Impuls für die Kirche: Wenn die Gegenwart Gottes damit verbunden ist, wo die Aktivität aller Glaubenden und Dialog und viele verschiedene Zugänge möglich und willkommen sind, dann bekommen wir eine grosse Freiheit und können uns von Orten verabschieden, die das nicht ermöglichen und seien sie auch noch so wichtige Orte der Tradition.

21.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Beschalach - Als er wegschickte (Ex 13,17-17,16)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 21.01.2013 11:15
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Die starke Hand Gottes zieht Israel aus der Sklaverei - eine schnelle Nothilfe. Ohne Hast und Schritt für Schritt lernt das Volk Gottes inklusive des Pharaos frei zu sein und dem Leben zu dienen.

Der jüngste Beitrag von Thomas Markus Meier über sperrige Texte und Musikgehör regt mich an, die aktuelle Wochenlesung und die Auslegungen von R. Goldberger auch auf die aktuellen Auseinandersetzungen in der Katholischen Kirche hin zu lesen. Da deutet Goldberger eine vertraute Formulierung zum Exodus wie sie z.B. in Dtn 5,15 steht: Gott befreit Israel "mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm". Goldberger schreibt: "Der ausgestreckte Arm richtet sich gegen die Ägypter, die starke Hand war erforderlich, um die Juden - gegen ihren Willen - aus der Gefangenschaft zu zerren" (204). Da taucht vor meinem geistigen Auge das Bild auf, wie Gottes starke Hand das kirchliche Volk Gottes mitsamt seinen Hirten in die Freiheit zerrt. Aus dem Sklavenhaus reglementierter Enge hinaus in Richtung des Reiches Gottes. Ein solches Geschehen hat Vor- und Nachteile: "So wurde zwar das Volk vor der totalen Vernichtung errettet, doch ... das Volk wählte nicht die Freiheit, sondern wurde dazu gedrängt. Ägypten wurde abgeschüttelt, aber nicht Schritt für Schritt überwunden. Ägypten blieb Ägypten. Das jüdische Volk wurde befreit, aber das Böse blieb bestehen. Deswegen jagt der Pharao den flüchtenden Juden nach. Deswegen wünschten sich die Juden nach Ägypten zurück."
In der Not braucht es eine solche Befreiung. Leben wir als Kirche in einer solchen Notsituation? Ich denke ja. Es ist Zeit, um für die starke Hand Gottes zu beten und zu danken.
Ideal ist eine solche Befreiung nicht. Die ideale Befreiung, die endgültige Erlösung erträumt Jesaja. Sie erfolgt "nicht in Hast" (Jes 51,12), sondern "Schritt für Schritt" (Jes 51,7), erkennbar für "jedes Auge" (Jes 52,8). So aus dem Sklavenhaus auszuziehen hat zur Folge, dass ein Tempel für alle Völker entsteht, in dem auch der Pharao befreit Gott dient, dem Leben in Fülle, wo all die verschiedenen Heilsgeschichten zu ihrer Vollendung, ihrem Schalom, kommen.

13.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Bo - Komm (Ex 10,1-13,16)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 13.01.2013 13:37
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Gott ist im Pharao - im Pharao kann ich Gott erkennen

Aus dem ersten Wort der Wochenlesung, das ihr den Namen gibt, entwickelt Goldberger eine ganze Anthropo- und Theologie. "Bo", "Komm", spricht Gott zu Mose. "Komm zum Pharao",  nicht "Geh zum Pharao". Das setzt voraus, dass Gott beim Pharao ist. Mehr noch: dass Gott im Pharao ist. Was wir gewohnt sind, zu lesen: "Ich habe sein Herz verhärtet" (gewohnt zu lesen, nicht zu verstehen, es löst immer wieder Irritationen und Widerstände aus), heisst im Hebräischen: ki ani hichbadeti et libo. In hichbadeti steckt die Wurzel kbd, schwer. Sie erinnert an die Kabod, die Schwere oder Ehre Gottes. Goldberger übersetzt: "Komm zum Pharao, denn ich habe meine Ehre in sein Herz gelegt" und führt die Worte Gottes weiter: "Du siehst Meine Ehre und Meine Kraft, verborgen im Pharao. Alles, was er darzustellen scheint, ist nur Abbild eines Funkens Meiner Würde." Verhüllte Würde Gottes in allen (scheinbaren) Herren dieser Welt. Verhüllte Macht Gottes in allem, was Menschen ihrer Freiheit und Würde beraubt, auch in meinen eigenen inneren Triebkräfte und Schatten. Goldberger erzählt vom Kotzker Rebbe, der die guten Eigenschaften des Pharaos während der 10 Plagen  bewundert, sein Durchhaltevermögen und seine Beharrlichkeit... Im Bedrücker kann ich Gott und mich erkennen. "Gott riet Mose, zum Pharao zu kommen, dass er Seine Allmacht durch ihn entdecken kann" (alle Zitate 178ff.)

07.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Waera –und Gott erschien (Ex 6,2-9,35)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 07.01.2013 20:14
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Wollen Sie gerettet werden? Sind Sie es wert, gerettet zu werden?

Michael Goldberger nähert sich diesem Text mit wesentlichen Elementen der jüdischen Schriftauslegung (S. 171-173):
1. Über das Querlesen in der Bibel. So entdeckt er einen scheinbaren Widerspruch zwischen 2 Bibeltexten. In Gen 15,13 erfuhr Abraham, dass seine Nachkommen 400 Jahre lang im Exil versklavt würden leiden müssen. In Ex 12,40 ist dagegen die Rede davon, dass das Volk Israel „nur“ 210 Jahre in Ägypten war.
2. Über die Wahrnehmung von Stolpersteinen beim Lesen als Herausforderung für das Leben. Die Rabbinen nahmen diesen Widerspruch nicht als Kritik an der Bibel, sondern als Herausforderung für eine Frage an den Text und für die Suche nach kreativen Antworten. So nahmen manche Gelehrte an, Gott habe die Sklaverei 400 Jahre dauern lassen wollen, sich dann aber eines Besseren besonnen. Warum? Weil es nach 210 Jahren allerhöchste Zeit geworden war? Warum? Weil das Volk die tiefste Stufe der Sklaverei bereits erreicht hatte. Worin besteht diese tiefste Stufe der Sklaverei?
3. Über den Raum, den die Buchstaben eröffnen. Ex 6,6, ein Vers in der gegenwärtigen Wochenlesung lautet: „Ich bin der Ewige und werde euch von den Zwangsarbeiten Ägyptens herausnehmen“. „Zwangsarbeiten“ heisst Hebräisch „Siwlot“. Rabbi Simcha Bunam schlägt vor, statt „Siwlot“ „Sawlanut“ zu lesen. „Sawlanut“ heisst „Geduld“. Die tiefste Stufe der Sklaverei ist erreicht, wenn die Versklavten Geduld mit ihrer Situation aufbringen, wenn sie sich an das Leid gewöhnt haben, wenn sie sich abgefunden haben.
Goldberger schreibt: „Die gefährlichste und gleichzeitig beängstigende Auswirkung von Not ist der allmählich aufkeimende Gedanke, dass es immer so war, immer so sein wird und offenbar so sein muss“ (172). Sobald wir uns aus lauter Gewohnheit mit dem Bösen abfinden und es für normal halten, muss Gott eingreifen, weil wir sonst verloren wären. Das ergibt eine wichtige Frage mit Blick auf die Erzählung vom Garten Eden in Gen 2. Geht es beim Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, vielleicht darum, das Böse nicht neben dem Guten als schöpfungsgemässe, gottgewollte, natürliche Grösse anzuerkennen? Das hebräische Wort für „erkennen“, das auch für die sexuelle Beziehung zwischen Menschen verwendet wird, legt das durchaus nahe. Erfüllte Sexualität setzt die Anerkennung der Partnerin/des Partners voraus.
Doch zurück zur Wochenlesung waera / und Gott erschien: Gott erscheint, wenn wir wenigstens gegenüber unserer eigenen Abgestumpftheit nicht abgestumpft sind. Wenn wir erschrecken, dass wir über nichts mehr erschrecken. „Dann verlassen wir die tiefste Stufe des Exils. Wir werden dadurch zumindest gewahr, dass wir uns im Exil befinden, was uns helfen könnte, weitere Stufen in Richtung Erlösung zu klettern. Wenn nicht, werden wir dadurch wenigstens wert, gerettet zu werden.“
Sind wir heute am tiefsten Punkt des Exils? Eigentlich ist uns klar, dass es so nicht weitergehen kann mit der zunehmenden ungerechten Verteilung der Güter dieser Welt, mit der zunehmenden Verschuldung und der Zerstörung der Umwelt auf Kosten unserer Nachkommen etc. Eigentlich ist es klar. Erschrecken wir auch ein wenig darüber? Erschrecken wir, wie sehr wir in Not sind? Und wie sehr wir es nötig haben, gerettet zu werden?

03.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Schemot - Namen (Ex 1,1-6,2)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 03.01.2013 16:00
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Heiliger Boden - Grundlage von Beziehungs- und Schöpfungstheologie

"Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, an dem du stehst, ist heilig" heisst es in diesem Wochenabschnitt. Was macht einen Ort heilig? Für Michael Goldberger zeigt sich hier eine Vorstellung, die tief im Judentum verankert ist: "Der Ort, an welchem der Nächste steht, ist heilig und muss respektiert werden, genauso wie ich erwarten darf, dass der Ort, an welchem ich stehe, geachtet wird. Die Heiligkeit des persönlichen Raumes..." (163)
In der Kabbala gibt es die Vorstellung, dass sich Gott zugunsten der Schöpfung ein Stück zurückzieht, um den dafür notwendigen Raum zu schaffen. Damit ist die ganze Schöpfung heiliger Raum, den uns Gott als Geschenk überlässt, indem er ein Stück zurücktritt. Die jüdische Reflexion darüber betont, dass Gott zwar überall gegenwärtig ist, unser von Gott verliehener Wille uns aber erlaubt, Gott aus Bereichen unseres Lebens auszuschliessen. Das "lehrt" uns Gott, indem er selbst Raum für sich beansprucht und davon ausschliesst: Wer das Stiftszelt zur falschen Zeit, mit der falschen Absicht, oder im falschen Kontext betritt, stirbt. Das wirft ein neues Licht auf die Reinheitsgebote, die ja nichts mit Sauberkeit oder Moralität zu tun haben, sondern dazu anleiten, zwischen Kultfähigkeit bzw. Kultunfähigkeit unterscheiden. Der Zugang zum Kultort, zum Raum Gottes, zum Heiligen Boden ist nicht immer offen. Wäre er immer offen, wäre er beliebig, wäre nicht mehr der unverfügbare, geschützte Raum des Anderen. Dann gäbe es auch nicht mehr die Möglichkeit, in den heiligen/eigenen Raum einzuladen und die Möglichkeit zur Begegnung zu schaffen. Nur durch die Möglichkeit des Ausschlusses entsteht die Qualität der Einladung. Dadurch dass wir wie Gott zurücktreten, um Raum für Andere zu schaffen, wird Raum zu Heiligem Boden, wird ein Ort zum Zelt der Begegnung, "unabhängig, ob es sich um einen Tempel, ein Haus, eine Beziehung, unsere Umwelt oder unseren Planeten handelt. Das ist die spirituelle Dimension einer Theologie der Beziehung und der Schöpfung.

27.12.2012

Erst- und Zweitgeborgene

von Peter Zürn — Letzte Änderung 27.12.2012 10:36

Ein Verschreiber mit tiefer Bedeutung: in den Gedanken zur jüdischen Wochenlesung zu Wajechi (Gen 47,28-50,26) habe ich über die verhängnisvolle Beziehung zwischen Erst- und Zweitgeborenen in der Bibel geschrieben. Dabei ist einmal aus dem Zweitgeborenen ein Zweitgeborgener geworden. Als ich das gemerkt habe, wurde mir ganz warum ums Herz. Eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit ist wach geworden. Die biblischen Erstgeborenen sind oft Ungeborgene. Erstgeboren und Zweitgeborgen...

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajechi - und er lebte (Gen 47,28-50,26)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 27.12.2012 10:30
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Die letzten Verse des Buches Genesis - rote Fäden werden aufgenommen. Geschichten werden verbunden, aus Kreuzungen entstehen neue Möglichkeiten

Die letzten Verse des Buches Genesis (Nebenbemerkung: Zum letzten Vers des Buches, und von da an zu jedem letzten Vers jedes biblischen Buches gab und gibt es einen Bibliolog auf Facebook. Wer mitmachen will, befreunde sich mit Maria von Magdala). In ihnen wird ein Themas aufgenommen, das sich durchs ganze Buch zieht: die Beziehung unter Geschwistern, v.a. das Verhältnis erst- und zweitgeborener Brüder zueinander. In Gen 48 werden Ephraim und Manasse, die beiden Söhne Josephs und seiner ägyptischen Frau Asnat, von ihrem Grossvater Jakob gesegnet. Joseph, der um die Problematik in der Familiengeschichte weiss, achtet darauf, dass der Erstgeborene, Manasse, rechts von Jakob zu stehen kommt. Jakob aber überkreuzt die Arme und segnet so den Zweitgeborenen mit der Rechten. Joseph versucht zu korrigieren, aber Jakob sagt, er wisse, was er tue... Setzt sich hier die verhängnisvolle Beziehung zwischen bevorzugten und benachteiligten Brüdern und vor allem mit der Nichterwählung des Erstgeborenen fort, die mit Abel und Kain beginnt und in Isaak und Ismael, Jakob und Esau und Joseph und seinen Brüdern dramatische Höhe- und Tiefpunkte erreicht (und danach munter weitergeht mit Mose und David und den Brüdern im Gleichnis vom barmherzigen Vater ... in Klaas Huizings Jesus-Roman gibt es eine Szene, in der der Erstgeborene Jesus sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht an den Zweitgeborgenen Jakob verkauft)?
Der Segen Jakobs für Manasse und Ephraim wurde im Judentum zu dem Vorbild für das Segnen der Kinder am Freitagabend zu Beginn des Sabbats. Warum? Michael Goldberger nimmt Jakobs Worte aus Gen 48 ernst, der angesichts seiner überkreuzten Hände beim Segen sagt, er wisse genau, was er tue. Beide Kinder sollen ihren spezifischen Segen erhalten, beide werden ihren spezifischen Lebensweg gehen, wobei der Jünger den Älteren an spiritueller Kraft übertrumpfen werde. Jakob setzt also nicht einfach das Verhängnis fort. Diesmal weiss er, was er tut. Ephraim und seine Nachkommen würden Gelehrte und spirituelle Führer hervorbringen, wie Josua und von Manasse würden Richter abstammen wie Gideon. Und das Volk Israel würde beides brauchen, spirituelle und politische Führungspersönlichkeiten. Jakobs überkreuzter Segen ist nicht einfach scheinbar wahllose Bevorzugung und Benachteiligung. Es hat sich für ihn etwas geklärt: Es geht darum, spezifische Begabungen und Fähigkeiten zu fördern und miteinander zu verbinden. Jakob "kreuzt" gleichsam Vorhandenes, um Neues zu "züchten". Der/Die/Das Eine soll mithilfe des Anderen gestärkt werden. Goldberger fragt: "Wäre das auch bei Isaak und Ismael oder bei Jakob und Esau möglich gewesen? Wie auch immer..." (144).
Mithilfe des Anderen stärken... Das erinnert an die Schöpfungserzählung in Gen 2, wo Gott dem Menschen ein Gegenüber als Hilfe erschafft... Ein weiterer roter Faden durch die Genesis.

18.12.2012

Eine Reise durch die Bibel. Startpunkt: Mk 16

von Peter Zürn — Letzte Änderung 18.12.2012 15:40

Zwei merk-würdige Formulierungen am Schluss des Markusevangeliums: "Wer könnte uns den Stein vom Grab wegrollen?" und "Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt". Entdeckungen in der Schrift und bei der Arbeit in der WerkstattBibel.

Beim letzten Treffen in der WerkstattBibel haben wir uns mit Maria von Magdala in den drei synoptischen Geschichten vom Ostermorgen beschäftigt. Ich war in der Gruppe zu Mk 16,1-8. Zwei Ausdrücke im Text haben mich auf eine Reise durch die Bibel geschickt:
1. "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" fragen sich die 3 Frauen (Mk 16,3). Das führt zu Jakob und Rahel in Gen 29. Jakob flieht vor der Wut seines betrogenen Bruders nach Osten. Er kommt zu einem Brunnen, bei dem drei Herden von Schafen und Ziegen lagern. "Ein grosser Stein lag über der Brunnenöffnung" (Gen 29,2). Erst wenn sich alle Herden eingefunden haben, wird der Stein weggeschoben und das Vieh getränkt. Das wird zweimal wiederholt, also sozusagen eingeschärft. Dann kommt Rahel mit der Herde ihres Vaters, "denn sie war Hirtin" (Gen 29,9). Auf diese Stelle verweist Jürgen Ebach übrigens, wenn er darauf reagiert, welche Stellen beim Streit um die BigS (Bibel in gerechter Sprache) am meisten Widerstand hervorgerufen haben - nämlich u.A. die Formulierung "Hirtinnen und Hirten" im Weihnachtsevangelium nach Lk.
In Gen 29 geht es dann weiter: "Als Jakob Rahel, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und dessen Herde sah, trat er hinzu, schob den Stein von der Brunnenöffnung und tränkte das Vieh Labans, des Vaters seiner Mutter. Dann küsste er Rahel und begann zu weinen" (Gen 29,10-11).
Wenn also in Mk 16 gefragt wird, wer den Stein vom Grab Jesu wegwälzen könnte, dann hören Bibelkundige die Antwort: Jakob. Und zwar gegen alle Regeln und Erwartungen. Für Rahel, seine Verwandte und Geliebte. Über Rahel und Jakob sind Jesus und die Frauen am Grab mit Israel verbunden. Jakob heisst seit seinem Kampf mit dem Unbekannten / Engel "Israel" (Gen 32,23ff), Gotteskämpfer, das Haus Jakob ist Bild für das Volk Israel. Auch Rahel wird übrigens als Gotteskämpferin bezeichnet, schon vor Jakob (Gen 30,8). Jakob und Rahel sind in besonderer Weise Stammeltern des Volkes Israel. Über das Liebespaar Jakob und Rahel sind Jesus und die Frauen am Grab mit Israel nicht nur über die gemeinsame Abstammung und Verwandtschaft, sondern auch in einer Liebesgeschichte verbunden. Wenn die Frauen und unter ihnen Maria von Magdala danach fragen, wer den Stein wegrollt, dann spielen sie eine biblische Liebesgeschichte ein. Vielleicht hat Johannes diese Einspielung in seinem Evangelium zur Erzählung von Maria im Garten ausgestaltet (Joh 20). 

Wer rollt den Stein vom Grab Jesu? Die liebevolle Verbundenheit mit dem Haus Jakob, mit dem Volk Israel und innerhalb des Volkes Israel.
Rahel aber ist nicht nur die geliebte Frau Jakobs, sie ist auch die Frau, die um ihre toten Kinder weint, wie Jeremia schreibt und Matthäus zitiert: "Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin" (Jer 31,15; Mt 2,18). Über Rahel und den Kindermord von Betlehem ist also unsere Ostergeschichte mit Weihnachten verbunden. Zur Zeit des Markusevangeliums sind Maria und Jesus mit Rahel in der Trauer um die Kinder Israels verbunden, die dahin sind, erschlagen, verhungert, gekreuzigt und versklavt nach dem Ende des Krieges gegen das Römische Imperium im Jahr 70. So gehen die Frauen nicht nur zum Grab Jesu, sie gehen zum Grab zahlloser Männer, Frauen und Kinder Israels. Sie verkörpern die Gemeinde des Markusevangeliums, die 40 Jahre nach dem Wirken Jesu lebt und ihn als Messias, als Auferstandenen und Sohn Gottes verkündet. Die Jesusgemeinde steht vor dem leeren Grab und muss sich fragen: Was soll die Botschaft von dem einen Auferstandenen angesichts der Tausenden Toten Israels? Was soll der Glaube an den einen Sohn Gottes, wenn die anderen Söhne und Töchter Gottes zu Grunde gehen? Wie können wir an dieser Botschaft, an diesem Glauben festhalten, ohne zynisch zu werden? Stehen wir nicht vor einem Abgrund unseres Glaubens, angesichts dessen wir zu Tode erschrecken und uns entsetzen müssen? Die Frauen am Grab reagieren genau so:

2. "Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt" (Mk 16,8). Dieser Ausdruck führt uns in die Exoduserzählung. Nach dem Durchgang durchs Meer, nach der Rettung Israels vor der Übermacht Pharaos singen Mose und Mirjam ein Lied (Ex 15). In der Version des Mose werden die Völker der Welt in das Exodusgeschehen mit einbezogen: "Als die Völker das hörten, erzitterten sie, die Philister packte das Schütteln. Damals erschraken die Häuptlinge Edoms, die Mächtigen von Moab packte das Zittern, Kanaans Bewohner, sie alle verzagten. Schrecken und Furcht überkam sie, sie erstarrten zu Stein" (Ex 15,14-16a). Die Frauen am Grab werden in dieses Erschrecken, Erzittern und Erstarren miteinbezogen. Und mit ihnen wird die Jesusgemeinde zur Zeit des Markus und der Zerstörung Jerusalems miteinbezogen. Sie werden im Schrecken und Entsetzen mit den Völkern identifiziert, die Gottes grosse Taten an Israel sehen. Mehr noch: Die Philister, Moab und Edom, das sind zur Zeit Jesu und der Evangelien schon lange keine historischen Völker mehr, das sind Chiffren für die Mächte, die Israel feindlich gegenüber stehen, die das Leben des Gottesvolkes, das Leben nach den Weisungen der Tora bedrohen. In der Jesusbewegung ist der Glaube Israels zu den Völkern getragen worden. Es droht die Gefahr, dass dabei die Verbindung zu Israel verloren geht, ja dass sich die neue Bewegung gegen Israel wendet. Die Geschichte des Christentums hat diese Möglichkeit aufs Furchtbarste real werden lassen.
Die Frauen am Grab und mit ihr die Jesusgemeinde werden mit dem Abgrund ihres Glaubens konfrontiert, dass sie zu Feinden Israels geworden sind.
Als wir in der WerkstattBibel Mk 16,1-8 lasen, bemerkten auch wir den merkwürdigen Widerspruch: Die Frauen am Grab verstummen und erzählen niemandem etwas von ihren Erfahrungen. Wir konnte es dann dazu kommen, dass die Osterbotschaft trotzdem zu uns gekommen ist? Wie lange hält das Schweigen an? Wie lange hält das Erschrecken und Entsetzen an? Lesen wir Ex 15,16 zu Ende:  " ... bis hindurchzog, o Adonai, dein Volk, bis hindurchzog das Volk, das du erschufst".
Die Rettung Israels vor Gewalt und Tod ist die Hoffnung für die Frauen am Grab, für die Gemeinde des Markus, für die Völker der Welt, die sich über die Jesusgemeinde mit Israel verbinden.
Maria von Magdala verkörpert die Verbindung zu Israel über ihren Namen. Maria in Mk 16 führt uns zu Mirjam in Ex 15. Die Frauen am Grab führen uns zu den Frauen, die mit Paukenschlag und Tanz hinter Mirjam herziehen. Mirjam singt ihnen und uns vor: "Sing Adonai ein Lied, denn die Lebendige ist hoch und erhaben! Rosse und Reiter warf sie ins Meer" (Ex 15,21). Der Stein wird vom Grab weggerollt, wenn wir uns auf die Seite Israels stellen und nicht auf die Seite der Herren von Streitrossen und Reiterei. Auf die Seite der liebevollen und solidarischen Beziehung und nicht auf die Seite des Imperiums. Auf die Seite der Trauer um die Toten und nicht auf die Seite des Zynismus der Herrschenden.

16.12.2012

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajigasch - und er trat heran (Gen 44,18-47,27)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 16.12.2012 21:45
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Ein merkwürdiger Vers und seine Deutung von Raschi bis Paulus

In Gen 45,4 gibt sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen - ein dramatisches Happy-End nach 22 Jahren. Aber es ist keineswegs das Ende der Geschichte. Joseph schickt seine Brüder nach Kanaan zurück, um Jakob zu holen, damit die ganze wiedervereinte Familie in Ägypten leben kann. Vor der Abreise gibt er ihnen den Rat: "Streitet nicht unterwegs" (Gen 45,24). Michael Goldberger schreibt dazu: "Auf den ersten Blick ergibt diese Anweisung keinen Sinn. Nie ging es den Brüdern besser als jetzt. Ihre Schandtat wurde verziehen und sie standen unmittelbar vor einer verheissungsvollen Zukunft im krisensicheren Ägypten. Warum in aller Welt sollten sie ausgerechnet jetzt unterwegs streiten?" (134)
Diese Frage hat auch schon - so Goldberger - den mittelalterlichen jüdischen Bibelausleger Raschi beschäftigt. Raschi deutet den Vers so: Joseph befürchtet, dass seine Brüder sich unterwegs die Schuld für ihren früheren Verrat gegenseitig in die Schuhe schieben würden. Joseph kannt die psychologischen Mechanismen von Schuldgefühl, Leugnung und Verdrängung. Und er kannte die Tora. Er erinnerte sich an Adam, der die Schuld an Eva und an Eva, die die Schuld an die Schlange abschieben wollten (Gen 3,12f.). Seitdem wird in der Menschheitsgeschichte kein Satz öfter beschworen als der: "Ich war's nicht, es war ..." Joseph will diesen "normalen" Lauf der Dinge unterbrechen, er will die Frage danach, wie es wirklich war, im Keim ersticken oder zudecken und sich lieber dem Leben nach der Versöhnung zuwenden. Das hebräische Wort für Versöhnung, kpr, das zum Beispiel in Jom Kippur, dem Versöhnungstag auftaucht, heisst abdichten/verdecken. Und es kommt auch beim Bau der Arche vor und bei der Bundeslade, die zum Schutz der Bundestafeln mit den 10 Geboten mit einer Deckplatte, hebr. kaporet, versehen ist. Das Verdecken dient dem zukünftigen Leben. Paulus gebraucht im Brief an die Gemeinde in Rom das Wort kaporet mit Blick auf das versöhnende Handeln Gottes in Christus (3,25): ein öffentliches Versöhnungszeichen, das den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen soll. Das die Aufmerksamkeit von der Frage, was war, ablenken soll auf die Frage, was möglich ist.

08.12.2012

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Mikez - Am Ende (Gen 41,1-44,17).

von Peter Zürn — Letzte Änderung 08.12.2012 19:23
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Wie werden Menschen zu Gerechten wie die beiden Josephs der Bibel?

Von Joseph ist in dieser Wochenlesung die Rede. Von keiner anderen Figur erfahren wir im Alten Testament so viel wie von ihm. Vor und an Weihnachten hören wir vom Josef des Neuen Testamentes. Über den Namen sind die beiden miteinander verbunden. Der Name des Joseph aus Genesis wird von einem Wunsch Rahels abgeleitet: "Möge Gott mir einen weiteren Sohn hinzufügen" (Gen 30,24). "Hinzufügen" heisst auf Hebräisch "Joseph". Goldberger stellt von daher die Frage: "Ist nicht bereits in diesem Namen die Hoffnung verborgen, Joseph möge sich wandeln?" (126). Und er wandelt sich ja auch: vom verwöhnten Snob zum Gerechten. Im Judentum gilt er als der Gerechte schlechthin. "In jeder Situation wurde er von Kräften hin- und hergerissen, die sich widersprechen. Stets musste er wählen, kämpfen und siegen. Ich meine, dass gerade hierin das Geheimnis um Joseph, dem Gerechten verborgen ist: Joseph kam nicht als Gerechter zur Welt, er wurde es. Und selbst als Gerechter musste er stets von Neuem an sich arbeiten, damit er es blieb" (126).

Auch der neutestamentliche Josef gilt als gerecht (Mt 1,19). In der Situation, in der er sich befand, war er hin- und hergerissen zwischen Kräften, die sich widersprechen. Er musste wählen, nachdenken und erwägen, träumen, um sich zu entscheiden. Er entwickelte sich wie das Kind in Marias Leib und wurde zum Gerechten.
Der Wochenabschnitt Mikez wird immer während Chanukka gelesen. Goldberger schreibt: "In einem gewissen Sinn stehen Antiochus und die Hellenisten mit ihrer Vergötterung des Schönen für die schlechten Eigenschaften des jungen Joseph. An Chanukka feiern wir die Überwindung des Götzendienstes, indem wir jeden Tag ein weiteres Licht anzünden. In kleinen Schritten verdrängen wir die Finsternis und entwickeln uns allmählich zu Gerechten" (126).

02.12.2012

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajeschew (Gen 37,1-40,23)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 02.12.2012 20:55
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Religion: unterbrechen und warten

Von heute an möchte ich jede Woche die Paraschot verfolgen, die Wochenlesungen aus  der Tora. Nicht im Überblick, schliesslich geht es um ziemlich viel Text, sondern im genauen Blick auf ein Detail, ein Wort, einen Satz, ein Motiv, einen Gedanken. Helfen dabei soll mir das neu erschienene Buch von Michael Goldberger, Schwarzes Feuer auf weissem Feuer. Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte (Tachles und Friedrich Reinhardt Verlag Basel 2012). Darin finden sich Goldbergers Betrachtungen zu den Wochenabschnitten aus der jüdischen Rundschau und dem Tachles.
In dieser Woche wird die Parascha Wajeschew, Gen 37,1-40,23, gelesen und Goldberger blickt auf einen Vers: Angesichts der Träume seines Sohnes Josef, die Unruhe in der Familie auslösen, heisst es über Jakob: "er wartete auf das , was kommen würde" (Gen 37,11). Das hebräische Wort an dieser Stelle ist "lischmor". Im Judentum gibt es eine Kultur des Unterbrechens der "normalen" Abläufe und des Wartens. "Warten bedeutet, Dinge zuzulasssen, ihnen Zeit zu lassen, zu reifen" (Goldberger 115). Der Schabbat ist der wichtigste Raum dafür. "Wir holen tief Luft, lassen die Dinge ruhen, um sie dann in neuem Licht sehen zu können. Plötzlich erkennen wir zarte Bewegungen der Seele, die in der Hast und der Ungeduld des Alltags übersehen wurden" (ebd.).
Johann Baptist Metz hat als kürzeste Definition von Religion genannt: "Religion ist Unterbrechung". Das wird hier weitergeführt und ergänzt: Religion ist Unterbrechung und Warten: innehalten, erwartungsvoll Herz und Augen öffnen, nachsinnen, vorbereiten. Warten hat auch etwas mit der Arbeit des Abwarts zu tun, mit dem Warten der Geräte für die Zeit, in der sie gebraucht werden. Das sind wesentliche adventliche Haltungen.

30.11.2012

Maria von Magdala: der Jünger, den Jesus liebte

von Peter Zürn — Letzte Änderung 30.11.2012 21:45
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Wer steht nach dem Johannesevangelium beim Kreuz Jesu? Gemalt wird Johannes. Genannt wird Maria von Magdala.

Joh 19,25 gibt an, wer in der folgenden Szene anwesend ist: "Beim Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas und Maria von Magdala". Zugegeben, ganz genau ist die Angabe nicht. Unklar ist, ob es sich um 3 oder um 4 Frauen handelt, die in der Szene beim Kreuz Jesu stehen, denn Maria, die Frau des Klopas, könnte die Schwester der Mutter Jesu sein. Also, 3 oder 4 Frauen stehen beim Kreuz Jesu. Weiter niemand. Lesen wir auf dieser Grundlage weiter:
"Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn. Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich" (Joh 19,26-27).
Ich weiss, auf allen Bildern dieser Szene quer durch die Kunstgeschichte, ist der Jünger, den Jesus liebte, Johannes, der hier plötzlich zusätzlich in der Szene auftaucht. Aber laut Text ist er nicht da. Laut Text sind neben der Mutter Jesu, 2 oder 3 weitere Frauen da. Was, wenn der Jünger, den Jesus liebte, eine dieser Frauen ist? Warum sollte es/"er" dann nicht Maria von Magdala sein, die ja in den Evangelien unzweifelhaft als Jüngerin Jesu auftaucht?
Dass mit dem Ausdruck "Jünger" auch Frauen gemeint sind, ist inzwischen eine weitverbreitete Ansicht. Aber als "Sohn"? Vielleicht lässt das Johannesevangelium seinen Jesus hier ironisch mit den Geschlechterrollen umgehen. Vielleicht steht "Sohn" im damaligen Denken einfach für die engstmögliche Beziehung.
Der Jünger, den Jesus liebte, ist Maria von Magdala. Was spricht gegen diese Deutung?

20.11.2012

Was steht zwischen Jesus und Christus?

von Peter Zürn — Letzte Änderung 20.11.2012 13:38
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Im Hebräischen ist Jesus Christus/Messias ein Nominalsatz und kann durch "ist" verbunden werden. Oder durch andere Verben. Oder durch eine ganze Geschichte. Welche?

für Willy Dober

Der Kreuz- und Querdenker Willy Dober hat mir das Buch eines anderen Kreuz- und Querdenkers vermacht: Heinz Rothenbühler, Abraham inkognito. Einführung in das althebräische Denken (Selbstverlag Rothenburg LU 1998). Darin gibt es das wunderbare Kapitel 10:  Ein Versuch, Theologische Fragen "hebräisch" anzugehen. Und dort heisst es:

"Jesus  - Christus, Jesus - Messias, kann als Nominalsatz aufgefasst werden. Im Deutschen darf man die beiden Namen mit der Kopula "ist" verbinden, die im Hebräischen fehlt. "Jesus ist der Christus, Jesus ist der im Alten Testament verheissene Messias".

Und dann geht es herausfordernd weiter: 

"Gläubige Christen könnten neue Glaubenserfahrungen machen, wenn sie von Jesus, dem Messias, nicht in den versteinernden Kategorien des Seins, sondern in den belebenden Kategorien des Werdens reden und sagen wollten: Jesu ist für uns zum Messias geworden. Denn Seiendes, hebräisch verstanden, ist geworden; kondensiertes Geschehen. Ergebnis einer Entwicklung, Frucht eines Reifens und Wachsens, Ergebnis einer Auseinandersetzung."

Die Grammatik schafft dafür Raum:

Der hebräische Nominalsatz muss nicht durch eine Form von "sein verbunden werden. "Der Nominalsatz lässt es dem Gesprächspartner frei, die Nomina durch andere Verben zu ersetzen. Der Nominalsatz erlaubt es sogar, in Gedanken durch eine ganze Geschichte von einem Nomen zum anderen zu führen."

Und das tut Rothenbühler so:

"Jesus hat zögernd, nach langen Auseinandersetzungen mit sich und seinen Mitmenschen, fast wider seinen Willen, die ihm von Johanes dem Täufer und dann vor allem vom hilfsbedürftigen geringen Volk zugemutete Rolle des Messias übernommen, sie aber umgeschrieben, sie auf das Menschenmögliche und Menschenbekömmliche reduziert und sie nciht zur Zufriedenheit seiner Zeitgenossen gespielt, so dass er daran gescheitert ist. Aber trotz seines Scheiterns nennen wir ihn den Messias, womit für uns sein ganzer Werdegang, sein Lehren, Tun und Leiden namhaft und entscheidend wird."

(alle Zitate S. 176f.)

Meine Frage: Welche Verben, Worte, Geschichten stehen für dich/Sie zwischen Jesus und Messias?

11.11.2012

Priester verhindern mehr als sie nützen

von Peter Zürn — Letzte Änderung 11.11.2012 13:25
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Erfahrungen beim Lesen des Briefes an die Gemeinde in Philippi

Ich begleite das Seelsorgeteam einer Pfarrei durch das Jahr. Wir lesen miteinander den Brief an die Gemeinde in Philippi. Sie ist so etwas wie die Lieblingsgemeinde von Paulus. Er ist mit den Menschen dort tief verbunden. Aber in Kapitel 3 geht er plötzlich zum heftigen Angriff auf Gegner über. Er nennt sie abschätzig die "Verschnittenen". Vermutlich sind es Leute, die alle Nichtjuden aus der Gemeinde heraushalten wollen, wenn sie nicht bestimmte (äussere) Bedingungen erfüllen, die Männer z.B. sich beschneiden lassen. Achtung: es geht hier nicht um einen Konflikt zwischen den bösen Juden und den guten Christen. Es geht um einen Streit unter Jüdinnen und Juden, wer wie zum Volk Gottes dazukommen und gleichberechtigt dazugehören kann (der/dem dann alle Mitwirkungsmöglichkeiten in der Gemeinde offen stehen). Paulus greift an:
"Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr. Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Gemeinde und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt. Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt."
Wir haben den Konflikt in Philippi in unsere Zeit und unsere Kirche/Gemeinden übersetzt. Eine (von mehreren) Übertragungsmöglichkeiten war die Frage, wer zum priesterlichen Amt zugelassen sein soll.
Wir schrieben mit Paulus:
"Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr. Ich bin katholisch getauft, bin in eine Klosterschule gegangen, engagierte mich in der kirchlichen Jugendarbeit, habe katholische Theologie studiert, habe mich eifrig und streitbar in kirchlichen Gremien eingesetzt und mein Leben an christlichen Werten ausgerichtet (die Männer unter uns haben sogar das "richtige" Geschlecht). Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt."
Ein vergleichbarer Kampfbegriff wie die "Verschnittenen" ist uns nicht eingefallen. Gibt es von euch eine Idee?
Diskutiert haben wir Paulus Satz vom Gewinn, der zum Verlust wurde. Uns als TheologInnen und SeelsorgerInnen ergeht es ja genauso wie den jetzigen Priestern. Wir werden zu religiösen ExpertInnen, von denen man Antworten und Dienstleistungen wünscht, unsere Rolle verhindert manchmal mehr als sie nützt, Menschen delegieren religiöse Erfahrungen an uns etc. Es wird schwieriger gemeinsam mit all den anderen priesterlichen Menschen im Volk Gottes suchend und fragend, bedürftig nach Gottesbegegnungen, aber auch von ihnen erzählend, unterwegs zu sein. Das ist ein grosser Verlust.



26.08.2012

Der Platz vor dem Wassertor in Jerusalem und der Feuerwehrplatz in Lodz

von Peter Zürn — Letzte Änderung 26.08.2012 21:48
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Ein Heilstext und ein Unheilstext, Heilsgeschichte und Unheilsgeschichte, so nahe beieinander

Letzte Woche war ich - in einem Bibliodrama - mit vielen Menschen auf dem Platz vor dem Wassertor in Jerusalem. Zuerst hatten wir uns erzählt, welcher Bibeltext für unser Leben eine besondere Bedeutung hat und warum. Nach diesen biblischen und persönlichen Geschichten lasen wir Nehemia 8, 1-12, die Verlesung der Tora auf dem Platz vor dem Wassertor. Der ganze Raum wurde dann zu diesem Platz. In der Mitte war der Raum für all die biblischen Geschichten, die wir uns zuvor erzählt hatten. Darum herum lagen die Orte des Lesens und Erklärens, des Hörens und Verstehens, des Niederwerfens, des Weinens und des Feierns und Teilens. Jede und jeder suchte sich einen Ort, wählte eine Rolle und erzählte, was sie/ihn jetzt mit Blick auf die Worte der Weisung bewegte. Immer wieder war die Rede von der Verbindung zwischen all den verschiedenen Geschichten, den biblischen und den persönlichen, die sich gegenseitig erschlossen und verlebendigten. In jeder besonderen Geschichte, ja mitunter in einem einzelnen Satz, in jedem Fragment war das Ganze gegenwärtig und spürbar. Das Ganze der Weisung, das Ganze der Gemeinschaft, das göttliche Geheimnis der Fülle des Lebens. Es war sehr bewegend und berührend.

Heute las ich die Gegengeschichte zu dieser Geschichte am Platz vor dem Wassertor. Sie spielt auf dem Feuerwehrplatz der Stadt Lodz in Polen, im jüdischen Ghetto der Stadt, im Jahr 1944. Der Judenrat unter Leitung des Ältesten versammelt hier die Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos, um ihnen die Weisung der Nazis mitzuteilen, dass sie ihre Kinder und alten Leute zur Deportation ausliefern müssen. Der Text von Jozef Zelkowicz  (aus dem Roman von Steve Sam-Sandberg, Die Elenden von Lodz, Stuttgart 2011, S. 14f.) ist so gestaltet, dass der Bezug zu Nehemia 8 kein Zufall sein kann:

"Eine Menge von fünfzehnhundert Menschen hatte sich auf dem Feuerwehrplatz versammelt. Der Judenälteste hielt seine Reden häufig hier. Dann waren die Leute stets aus Neugier gekommen. Sie waren gekommen, um den Präses über seine Zukunftspläne reden zu hören, über die bevorstehenden Lebensmittellieferungen und die zu erwartende Arbeit. Diejenigen, die heute gekommen waren, hatten sich nicht aus Neugier versammelt ... Keiner war gekommen, um Neuigkeiten zu erfahren, sie waren gekommen, um das Urteil zu hören, das über sie verhängt werden sollte - ein Urteil auf lebenslänglich oder, Gott verhüte, ein Todesurteil. Väter und Mütter waren gekommen, um zu hören, welches Urteil über ihre Kinder gefällt würde. Greise und Greisinnen boten ihre letzten Kräfte auf, um zu hören, was das Schicksal für sie bereit hielt ... Mit gesenkten Köpfen, die Gesichter von Sorge entstellt, mit verquollenen Augen und vor Weinen wie erstickt, glichen all diese Menschen - alle fünzehnhundert hier auf dem Platz Versammelten - einer Stadt, einem Gemeinwesen in seinem letzten Stündlein, unter der Sonne ihren Ältesten und ihren Untergang erwartend."

11.08.2012

Das Buch der Bücher und diesmal nicht die Bibel

von Peter Zürn — Letzte Änderung 11.08.2012 16:55

Wie die Renaissance begann - und unser modernes Denken in der Antike wurzelt

Was für ein Buch! Spannend wie ein Krimi. Bunt wie ein Historienroman. Persönlich und existentiell geschrieben. Wissenschaftlich genau im Detail und einen grossen erhellenden Bogen durch die Geschichte schlagend. Engagiert - für das Geniessen des Lebens. Eine Kultur- und Kirchen- und Philosophiegeschichte.

Es handelt sich um Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann (Siedler Verlag 5. Aufl. 2012, 342 Seiten), für das der Autor mit dem Pulitzer-Preis 2012 geehrt wurde. 

Es ist die Geschichte des Poggio Bracciolini, der 1517 in einem Kloster irgendwo in Süddeutschland ein Buch aus der Antike wiederentdeckte, Lucrez' De rerum natura (Von der Natur) aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert.
Es ist die Geschichte von Bücherliebhabern und Humanisten, die sich gegen ihre Zeit stellten oder zumindest nicht in ihrer Zeit gefangen blieben.
Es ist die Geschichte Europas am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit. Es ist unsere Geschichte.
Es ist die Geschichte eines Buches, eines langen Gedichtes, in dem vor 2000 Jahren schon fast alles angedacht wurde, was unter heutiges Weltbild und Naturverständnis ausmacht.

Ein Wort dazu: Lesen!

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