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Peter Zürn

05.04.2014

Arche Noah für Erwachsene

von Peter Zürn — Letzte Änderung 05.04.2014 11:41
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Eindrücke vom Noah

Viele bunte Tiere, immer zwei und zwei, ziehen in die Arche ein. Das ist das Bild, das wohl die meisten von uns mit der biblischen Geschichte von Noah verbinden. Keine Kinderbibel kommt ohne es aus. In vielen Kinderzimmern gibt es die Arche mit den Tieren in Holz oder Plastik. Wird das der biblischen Geschichte gerecht oder haben wir sie infantilisiert? Gibt es einen Zugang zur Noah-Geschichte für Erwachsene?  Eine Möglichkeit bietet der Film „Noah“, der ab April in den Schweizer Kinos läuft. Es handelt sich um eine Hollywoodproduktion mit einem Millionenbudget und einem Staraufgebot an SchauspielerInnen wie Russell Crowe, Jennifer Connelly, Anthony Hopkins und Emma Watson, die aus den Harry-Potter-Filmen bekannt ist.

Nimmt Hollywood die Bibel ernst?

Ist von einem solchen Film ein fundierter Beitrag zu einer biblischen Geschichte zu erwarten. Wir von der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, die den Film an einer exklusiven Vorpremiere gesehen haben, finden „Ja“. Regisseur Darren Aronofski und sein Drehbuchator Ari Handel haben sich intensiv mit der biblischen Geschichte auseinander gesetzt. Sie nehmen den Bibeltext nicht immer wörtlich, aber immer ernst. Und vor allem stehen sie, zwei säkulare Juden, in der Tradition der jüdischen Bibelauslegung. Sie ergänzen das schwarze Feuer des Bibeltextes, da wo er Lücken lässt, durch das weisse Feuer der Auslegung und Vertiefung. So schweigt der Bibeltext völlig über die Frage, ob sich denn auch andere Menschen auf die Arche retten wollten, als das Wasser der Flut zu steigen begann. Im Film ist das ein wesentlicher Aspekt der Dramaturgie. Tausende anderer Menschen versammeln sich am Bauplatz als Arche. Ein gnadenloser Kampf um die rettende Zuflucht entbrennt. In einer Zeit wie der unseren, in der klar ist, dass der Meeresspiegel durch den Klimawandel  steigen wird und dadurch der Lebensraum von Millionen Menschen bedroht ist, was zu riesigen Flüchtlingsströmen führen wird, die die Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen weiter intensivieren werden , eine erschreckend aktuelle Situation. Hier können der Film und die Noahgeschichte einen Beitrag zur dringend notwendigen Debatte um unsere Zukunft leisten.

Eine unerwartete Familiengeschichte

Ein zweiter Aspekt der Noahgeschichte, den der Film in die Lücken des Textes hinein entwickelt und zum Teil gegen den Text und radikal zur Debatte stellt, spielt sich innerhalb der Familie des Noah ab. Schon vor der Veröffentlichung des Filmes war klar, dass die Familie von Noah und seiner Frau Naameh im Zentrum stehen würden. Völlig überraschend jedoch ist die Ausgestaltung der Familiengeschichte im Film. Als die Sintflut zu Ende geht, beginnt das Drama für die überlebende Familie erst richtig. Denn Noah ist durch die Geschehnisse zum Schluss gekommen, dass die Menschheit als Ganze vom Angesicht der Erde verschwinden muss, damit wieder paradiesische Zustände einkehren können. Das heisst in erster Konsequenz, dass er verhindert, dass Frauen für seine Söhne mit auf die Arche genommen werden. Einzig die durch einen Unfall unfruchtbar gewordene Adoptivtochter Ila, in die Noahs Ältester, Sem, verliebt ist, ist mit an Bord. Dadurch eskaliert der Konflikt zwischen Noah und seinem zweitgeborenen Sohn Ham. Als Ila schliesslich trotzdem schwanger wird, heisst das in zweiter, noch schrecklicher Konsequenz, dass Noah bereit ist, seine eigenen Nachkommen zu ermorden, um das Weiterbestehen der Menschheit zu verhindern und zu erfüllen, was er als göttlichen Auftrag verstanden hat. Gewalt in der Familie und deren religiöse Legitimation: Der Noah-Film scheut wahrlich nicht vor brisanten Themen zurück, die Erwachsene zur Auseinandersetzung mit sich selbst und mit ihrem Glauben herausfordern. Schon allein das spricht dafür, sich den Film anzuschauen und ihn in der Erwachsenenbildung zu nutzen.

Die Bibel als grosses Gespräch

Aus bibeltheologischer Sicht sei ein weiterer Pluspunkt des Filmes erwähnt. Er bringt viele verschiedene Bibeltexte miteinander ins Gespräch: neben der eigentlichen Noaherzählung in Gen 6-9 sind dies die Schöpfungserzählung in Genesis 1, die Paradiesgeschichten in Gen 2 und 3, die Kain-und Abel-Erzählung von Gen 4 – einer der Nachkommen Kains, Tubal-Kain (Gen 4,22) wird sogar zum grossen Gegenspieler des Noah - , der Stammbaum des Noah in Gen 5, die kurze Notiz über Gottessöhne und Riesen in Gen 6,1-4, aus denen wesentliche Filmfiguren entstehen bis hin zur dramatischen Erzählung der Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham in Gen 22. Und sogar die Ströme, die in der Vision des Propheten Ezechiel aus dem Tempel Gottes hervorbrechen (Ez 47) spielen für die Bildsprache des Filmes eine wichtige Rolle. Vermutlich gibt es noch viel mehr biblische Anspielungen und Zitate zu entdecken (auf unserer Homepage www.bibelwerk.ch haben wir ein Dossier eingerichtet, um solche Hintergründe des Filmes zusammen zu tragen). Die Bibel kann so als Gewebe (Textil) aus verschiedenen Erzählfäden und als Gespräch zwischen durchaus unterschiedlichen Stimmen sichtbar gemacht und erschlossen werden.

26.03.2014

Seelsorge im Tabubereich SiTa

von Peter Zürn — Letzte Änderung 26.03.2014 10:48

Sexuelle und spirituelle Dienstleistungen gegen Geld anbieten - Überraschende Erkenntnisse im Tabubereich

Am Montag Abend war ich in Basel bei einer Veranstaltung, die öffentlich bekannt machen sollte, dass die Fachstelle katholisch bl.bs ein Projekt für Seelsorge im Tabubereich (SiTa) und zwar konkret im Sexgewerbe einrichten will. Hauptreferentin des Abends war Carmen Amicitiae, eine Sex-Arbeiterin aus Berlin. Sie bietet freiberuflich sexuelle Dienstleistungen im Escort-Bereich an. Sie hat eine interessante sprachliche Differenzierung mit weitreichenden Folgen angeboten: Für sie ist Prostitution das freiwillige Angebot von sexuellen Dienstleistungen gegen Geld. Wenn es nicht mehr freiwillig ist, ist es Vergewaltigung oder Menschenhandel oder Ausbeutung und dann natürlich strafrechtlich relevant und muss verfolgt und bestraft werden. Damit gewinnt sie Raum, um Prostitution als Form von Emanzipation zu verstehen und kann das überzeugend darlegen.
Schon in ihrem Vortrag wurde mir eine überraschende Parallele ihres Berufes zu meinem bewusst. Ich biete seelsorgerliche bzw. spirituelle Dienstleistungen gegen Geld. Und hoffe, dass darin emanzipatorisches Potential steckt. Ich habe sie darauf angesprochen und eine überraschende Reaktion bekommen. Für sie sind seelsorgerliche/spirituelle Beziehungen viel intimer als sexuelle. Sich zeigen mit Schuld, das ist viel intimer als sich körperlich nackt zu zeigen. Sich berühren zu lassen von einer Berufung, das geht viel tiefer als sich beim Sex berühren zu lassen. Was bedeutet es, solche intimen Dienstleistungen gegen Geld anzubieten? Wir denken selten darüber nach. So gesehen hat sich der Bereich des Tabus in der Seelsorge im Tabubereich für mich verschoben oder besser erweitert. Ich freue mich auf die Herausforderung, die die SiTa-Stelle mit sich bringt - auch für mich als Seelsorgenden.

17.03.2014

"Gott weiss, was aus dem Jungen geworden ist."

von Peter Zürn — Letzte Änderung 17.03.2014 17:38

12 years a slave - ein bewegendes Schicksal. Daneben so viele namenlose Opfer, deren Geschichte vergessen ist. Nein!

"12 years a slave"  - Oscarpremierter Einblick in den Alltag und das System der Sklaverei in den USA. Im Buch von Solomon Northup, das dem Film zugrunde liegt, wird auf herzzerreisende Weise erzählt, wie auf dem Sklavenmark von New Orleans Eliza von ihren Kindern Randall und Emily getrennt wird. Sie werden an verschiedene Herren verkauft. "Nicht weinen, Mama", sagt Randall. "Ich werde ein braver Junge sein. Nicht weinen." Und dann heisst es: "Gott weiss, was aus diesem Jungen geworden ist" (S. 73). Niemand sonst weiss es. Es gibt keine Aufzeichnungen. Keine Geschichte erzählt von Randalls weiterem Schicksal. Solomon Northup bewahrt wenigstens den Namen Randall. Aber Gott weiss, was aus ihm geworden ist. Und Gott bewahrt ihn im Gedächtnis. Gott sei Dank!

14.03.2014

Mk 16 = Lk 1

von Peter Zürn — Letzte Änderung 14.03.2014 19:12

Warum folgt im Neuen Testament auf die sprachlos gewordenen Frauen am Grab in Mk 16 der sprachlos gewordene Priester Zacharias in Lk 1?

Ich habe schon mal davon geschrieben, dass die Reihenfolge der Evangelien ein theologisches Programm darstellt. Jetzt habe ich in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Texte und Kontexte ein ganz konkretes Beispiel dafür bekommen. Es stammt von Andreas Bedenbender.

Das Markusevangelium ist Ausdruck einer tiefen Glaubenskrise. Wie kann angesichts der Katastrophe des jüdischen Krieges gegen das Römische Imperium mit Zehntausenden Toten und Versklavten vom auferstandenen Messias gesprochen werden? Das Evangelium endet dementsprechend damit, dass die Frauen am Grab zwar die Botschaft vom Auferstandenen hören, darauf aber mit Schrecken und sprachlos reagieren.
Das Matthäus- und das Lukasevangelium kennen diesen Text und reagieren darauf. Sie nehmen die Krise ernst, bleiben aber nicht dabei stehen.
Die Anordnung der Evangelien sorgt nun dafür, dass auf Mk 16 Lk 1 folgt. Der Priester Zacharias, der nicht mehr sprechen kann, schliesst an die sprachlos gewordenen Frauen am Grab an. Aber in der Zeit seines Schweigens wächst das neue Leben, Johannes, der spätere Täufer, mit dem die Verkündigung vom Reich Gottes und vom Messias beginnt.

04.03.2014

Horkruxe, Heiligtümer und Harry Christus

von Peter Zürn — Letzte Änderung 04.03.2014 11:06

Kinder sind für mich ein Segen, weil sie mich dazu bringen, Bücher ein zweites oder dritte Mal zu lesen. Mein Sohn hat jetzt Harry Potter entdeckt und ich lese mit bzw. bin einen Band voraus. Vor zehn Jahren habe ich die letzten Bände auf Englisch gelesen und dabei doch so manches verpasst, was ich jetzt erst wirklich entdecke und verstehe. So das wunderbare Bild von den drei Weisen mit dem Tod umzugehen: das Herstellen von Horkruxen, die Suche nach den Heiligtümern des Todes, der Mut und das Vertrauen, die es ermöglichen, die eigene Begrenztheit und Sterblichkeit zu akzeptieren und wenn nötig, das eigene Leben hinzugeben für das Leben anderer. Für das erste Konzept steht natürlich der dunkle Lord Voldemort, der den Tod ausschalten will, indem er alle Verbindungen zu Mitwesen kappt, d.h. tötet, um unsterblich zu werden. Für das zweite Konzept steht Dumbledore - mindestens in seinen jüngeren Jahren - der die überlieferten Mittel der Macht sucht, um sie für "das grössere Wohl" einzusetzen. Auch Ron ist dafür zu haben. Und für das dritte Konzept steht Harry Potter - aber auch seine Eltern und sein Pate Sirius, der alte Dumbledore und Hermine und letztlich auch Ron und Ginny und Luna und Neville und Remus und Snape ... Viele Christas und Christusse. Eines der Heiligtümer des Todes ist ja der Stein der Weisen, im letzten Band Stein der Auferstehung genannt. Harry nutzt ihn, aber nicht um den eigenen Tod zu überwinden, sondern um sichtbar zu machen, dass geliebte Menschen als Teil von ihm weiterleben und ihn im Sterben und über den Tod hinaus begleiten. Auferstehung ist ein sozialer Begriff, wie wohl die meisten theologischen Worte der Bibel. Die Tiefe und Vielschichtigkeit der Geschichte von J.K. Rowling hat mich wieder neu beeindruckt.

01.02.2014

Die Arche Noah - die grösste Lüge der Menschheitsgeschichte

von Peter Zürn — Letzte Änderung 01.02.2014 21:55
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Die Menschheit verursachte von Anfang an ökologische Katastrophen und rottete Tierarten aus. wir sind die Sintflut für Tiere, nicht die Arche Noah.

Lese gerade "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari. Ein echter Augenöffner. Ich muss gestehen, ich bin einer Vorstellung aufgesessen, die Harari über den Haufen wirft: unsere Vorfahren, die ersten Homines sapientes, hätten über Jahrtausende im Einklang mit der Natur gelebt und erst wir heute wären zur ökologischen Katastrophe geworden. Falsch, alles falsch. Als der Homo sapiens vo 45'000 Jahren Ausstralien erreichte, löste er eine ökologische Katastrophe aus, der fast die gesamte Grossfauna des Kontinents zum Opfer fiel. Auf jeder pazifischen Insel, die der Mensch erreichte, geschah genau das Gleiche. Und als der Homo sapiens vor 16'000 Jahren den amerikanischen Kontinent erreichte, passierte dort das Gleiche.
Ein Artensterben ohne gleichen setzte ein, sobald der Homo sapiens seinen Fuss in ein Ökosystem setzte und zwar durch Jagd und Brandrodung. Klimaveränderungen gaben dann dem aus dem Gleichgewicht gebrachten System oftmals den Rest.
Harari fasst auf S. 96 zusammen: "Wenn wir die massiven Artensterben in Australien und Amerika zusammennehmen und die Arten hinzuzählen, die der Homo sapiens auf seinem Weg durch Afrika, Europa und Asien ausgerottet hat (die anderen Menschenarten nicht zu vergessen), dann stellen wir fest, dass der weise Mensch die grösste Katastrophe war, von der die Tier- und Pflanzenwelt der Erde je heimgesucht wurde. Am härtesten traf es die Megafauna ... Der Homo sapiens hatte die Hälfte aller Grosssäuger der Welt ausgerottet, ehe er das Rad, die Schrift und Waffen aus Metall erfunden hatte."
So gesehen ist die biblische Geschichte von der Arche Noah nichts anderes als ein zynischer Witz, eine Geschichtsklitterung der allerübelsten Sorte, die grösste Lüger der Menschheitsgeschichte. Der Mensch hat die Tiere, je zwei von jeder Art, nicht vor der Sintflut gerettet. Der Mensch war die todbringende Sintflut für die Tiere. 

Ich bin gespannt, ob das in dem Hollywoodfilm "Noah", der im April in die Kinos kommt, irgendeine Rolle spielt. Ich wäre überrascht. Es sollte aber eine Rolle spielen an dem Studientag zur Vorpremiere des Films, den wir von der Bibelpastoralen Arbeitsstelle aus am 29.3. in Zürich machen wollen.

28.01.2014

Die Aussendung der 72 in Lukas 10

von Peter Zürn — Letzte Änderung 28.01.2014 10:27

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Texte und Kontexte" lese ich in einem Beitrag von Jürgen Ebach über "Die 70 und/oder 72 Ausgesandten in Lukas 10": "Anders als beim literarischen Konzept der "12" sind die Namen der "70" bzw. "72" nicht genannt ... Immerhin versehen nachbiblische Traditionen jene "70" mit Namen und mit Gedenktagen." 

Eine Anmerkung nennt solche nachbiblischen Traditionen: eine Liste, die Dorotheos von Tyrus aus dem späten 3. Jahrhundert zugeschrieben wird, aber deutlich jünger ist und die Heiligenviten des Dimitrij von Rostov (Kiews 1689-1705). Hier sind die "70" durchweg männliche Apostel, z.B. der Herrenbruder Jakobus, die Evangelisten Markus und Lukas sowie andere im NT erwähnte Figuren wie Onesimus, Philemon, Titus und Dionysios Aeropagita.

Bibel heute 195 (Ausgabe 3/2013) mit dem Thema "Jüngerinnen und Jünger Jesu" hat ja aufgezeigt, dass wir uns die 72 zu zweit Ausgesandten durchaus als Paare von Männern und Frauen vorstellen sollten, als Ehepaare, aber auch als andere Paare.

Ich setze die nachbiblische Tradition fort und mache mich daran, eine Liste der 72 paarweise Ausgesandten zu entwerfen. Ich lade ein, es mir nach zu tun.

"Meine" Liste der 72 in 36 Paaren Ausgesandten beginnt so:

1 Maria von Magdala und Salome

2 Nikodemus und die salbende Frau

3 Jakobus, der Bruder Jesu und ihre Schwester, die nach ihrer Verwandten Elisabet heisst

4 Der geheilte Gelähmte und einer seiner Freunde, die ihn durchs Dach abgeseilt hatten

5  Josef von Arimathäa und der junge Mann, der bei der Verhaftung Jesu nackt davon lief (Mk 14,50)  

6 Die Tochter des Jairus und Lazarus

7 Marta von Betanien und Nikodemus

8 Maria von Betanien und die Samariterin vom Jakobsbrunnen

9 Die syrophöninzische Frau und ihre Tochter

10 Bartimäus und die Frau, die 12 Jahre an Blutfluss  gelitten hatte

11 Die zwei Jünger bzw. die Jüngerin und der Jünger, die vor dem Einzug in Jerusalem vorausgeschickt wurden, um den jungen Esel zu holen

12 Kleopas und die andere Jüngerin, die nach Emmaus ging

13 Natanael von Kana (Joh 21)  und eine Frau, die er bei der Hochzeit dort kennen gelernt hatte

14 Der Diener des Hauptmanns von Kafarnaum und die Schwiegermutter des Petrus (Mt 8)

15 Der Mann, der den Schatz im Acker und der Kaufmann, der die kostbare Perle gefunden hat

16 Josef, der Vater Jesu mit Judas, seinem Sohn

17 Eine Arbeiterin im Weinberg, die 12 Stunden und ein Arbeiter, der eine Stunde gearbeitet hatten

18 Der Gesetzeslehrer, der Jesus zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter angeregt hat und und der ältere Bruder des verlorenen Sohnes

19 Der ungerechte Richter und die unbequeme Witwe (Lk 18)

19 Zachäus und die Frau, die 18 Jahre lang verkrümmt war

20 Hananias und Saphira (Apg 5)

21 Priska und Aquila

22 Andronikus und Junia (Röm 16)

23 Nereus und seine Schwester (Röm 16)

24 Phöbe und Lydia

(wird fortgesetzt)

 

 

 

11.12.2013

Weihnachtstheologien - Pieter Bruegel d.Ä.

von Peter Zürn — Letzte Änderung 11.12.2013 17:20

Auf der internen Homepage der Kanti Wohlen habe ich im Advent 2013 einen "Adventskalender" eingerichtet. Täglich stelle ich eine Weihnachtstheologie quer durch die abendländische Geschichte der letzten 800 Jahre vor - von Franz von Assisi bis Loriot geht die Reise. Hier der Text zu Pieter Bruegel vom 4.12.

Bruegel Kindermord

Pieter Bruegel, Der bethlehemitische Kindermord, um 1565, heute im Hampton Court Palace bei London

„Ein kurzes Leben in einer gefährlichen Zeit“ lautet eine Kapitelüberschrift in einem Bildband über den Maler Pieter Bruegel den Älteren. Er lebte im 16. Jahrhundert in der multikulturellen Handelsmetropole Antwerpen. Die Stadt erinnerte Bruegel an das biblische Babylon. Deswegen malte er mehrmals den Turmbau zu Babel . Für die Verbreitung seiner Werke sorgte sein Sohn, Pieter Bruegel, der Jüngere, der einen Betrieb aufbaute, der auf Kopien der Gemälde seins Vaters spezialisiert war.
In seinen Bildern rückte der die „kleinen Leute“ in den Mittelpunkt und malte als einer der ersten realistische Alltagsszenen, in die er die biblischen Szenen, die dem Bild den Namen gaben, einbaute.  Dabei nahm der Alltag der Menschen den grössten Raum ein, die biblische Szene war nur klein dargestellt oder rückte an den Rand. Bei seinen Weihnachtsbildern entspricht dies durchaus der biblischen Theologie: Gott erscheint nicht im Zentrum, nicht in den Palästen, sondern am Rand, in der Krippe, im Alltag der kleinen Leute.
Die Szenerie des Dorfes Bethlehem wurde für Bruegel die Szenerie des Lehens in den Niederlanden. Die reformierten Niederlande waren damals von den katholischen Spaniern mit dem habsburgischen Kaiser an der Spitze besetzt. Die spanischen Truppen herrschten mit grosser Gewalt. Die Spanier plünderten die wohlhabenden Niederlande geradezu aus. Da spiegelt sich in den Bildern Bruegels. Im Bild „Die Volkszählung zu Bethlehem“, das ein niederländisches Dorf mitten im Winter zeigt, ist die Zählung mit einer Steuererhebung verbunden und  neben dem Fenster des Hauses, wo die Steuerzahlung erfolgt, hängt der habsburgische Doppeladler. Im Bild „Der Bethlehemitische Kindermord“ sind die Soldaten des biblischen Königs Herodes als spanische Soldaten dargestellt, die Gewaltexzesse begehen. Damit das Bild auch verkaufbar war, liess Pieter Bruegel, der Jüngere, manche Szenen übermalen bzw. verfertigte weniger drastische Kopien. Aber das ursprüngliche Bild war dramatisch nahe an der Realität. Ein Jahr nach der Fertigstellung des Originals im Jahr 1566, fiel der spanische Herzog Alba mit 60‘000 Soldaten in den Niederlanden ein und richtete ein Blutbad unter der Bevölkerung an. Pieter Bruegel der Ältere starb während dieser Schreckensherrschaft.

Quelle: Frank Kürschner-Pelkmann, Von Herodes bis Hoppenstedt. Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte. Das Weihnachtsbuch der Jerusalem-Akademie. Hamburg 2012, 696 S., ISBN 978-3-8491-2037-5, Euro 36.80 CHF 59.90

09.09.2013

Das Leiden der Buchhändlerin

von Peter Zürn — Letzte Änderung 09.09.2013 17:17

Als ich heute Morgen in einer meiner Buchhandlungen ein Buch kaufte (Daniel Kehlmanns "F"), seufzte die Buchhändlerin erleichtert: "Endlich kauft jemand ein normales Buch!". An diesem Morgen hätte sie bisher nur E-Books, also letztlich nur Zettel mit einem Passwort für den Download verkauft. Im Gespräch zeigte sich, was das eigentlich Frustierende für sie war. Als E-Books gekauft werden offenbar ausschliesslich Krimis und zwar schnelle Massenware. "Die Leute interessiert beim Lesen gar nicht mehr, wer der Mörder war oder wer die Ermittlerin ist". Hauptsache eine spannende Ablenkung, die nichts mit mir zu tun hat. Die Buchändlerin leidet daran.
In Daniel Kehlmanns Buch "F" geht es um drei Brüder, ein Priester, ein Banker und ein Kunstkenner, die - so der Klappentext - allesamt Betrüger, Heuchler, Fälscher sind. Der Priester hat keinen Glauben, der Banker ist bankrott, der Kunstkenner durchschaut die Kunsthypes. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben, doch plötzlich klafft ein Abgrund auf. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, ein Zufall, ein falscher Schritt, und was gespentischer Alptraum schien, wird wahr.
Was tun? Schnell einen Krimi als E-Book lesen?
Nicht aufhören, Bücher zu lesen!

30.06.2013

"Du sollst dein Brot essen, bis zu schwitzt"

von Peter Zürn — Letzte Änderung 30.06.2013 12:21

Die heutigen Weltreligionen, die biblischen Religionen inklusive, sind eschatologische Religionen. Sie hoffen auf das Ende. Die erste Weltreligion vor ihnen, die vielleicht im sterben liegt, aber noch immer lebt, ist eine ontologische Religion. Sie gestaltet das Eintauchen in den Fluss des Lebens. Die Unterschiede zeigen sich z.B. beim Brotessen in zwei ganz unterschiedlichen Arten dabei zu schwitzen.

"Du sollst dein Brot essen, bis Du schwitzt" - so übersetzte offenbar ein Mitglied des Stammes der Bergdama in Südwestafrika den Bibelvers Gen 3,19, das wir als mühevolles "Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen" kennen. Diese Übersetzung überliefert 1923 der deutsche Missionar Heinrich Vedder von der Rheinischen Mission und ich zitiere sie nach Bernhard Strecks "Rekonstruktion der ersten Weltreligion" (so der Untertitel des Buches des Leipziger Ethnologen mit dem Titel "Sterbendes Heidentum, Leipzig 2013). Streck unterscheidet das Phänomen, was er die erste Weltreligion und Heidentum nennt und was wir vielleicht eher als Stammesreligionen oder ethnische Religionen kennen, von den späteren Weltreligionen, die alle die Erlösung der Menschen zum Ziel haben - z.B. anknüpfend an Gen 3 von der mühevollen Arbeit, die aus einem Bruch mit dem Göttlichen entstanden ist. Jene nennt er eschatologisch - auf das Ende hoffend. Die erste Weltreligion hingegen war und ist eine ontologische oder seinskonforme Religion. Sie gestaltet das Eintauchen in den Fluss des Lebens, die Auflösung darin und auch das Mitgerissen werden von den Fluten. Und jener souveräne, nicht namentlich bekannte Mensch aus Südwestafrika übersetzt Gen 3,19 souverän aus dem eschatologischen Kontext in den ontologischen Kontext.

27.06.2013

Auswege aus der Schuldenkrise - Levitikus

von Peter Zürn — Letzte Änderung 27.06.2013 18:15
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Der Kapitalismus ist nur verschuldend - Religionen operieren mit Schuld und Entschuldung (Byung-Chul Han)

Vor 2 Jahren habe ich an dieser Stelle eine Serie über meine Lektüre des Buches Levitikus geschrieben. Jetzt bin ich beim aktuellen Kult-Philosophen Byung-Chul Han auf überaus interessante Gedanken gestossen, die nicht explizit, aber der Sache nach mit Levitikus in Beziehung stehen - mit der darin entwickelten, ausgefeilten Praxis der Versöhnung und Ent-Schuldung.
In "Agonie des Eros" (Berlin 2. Aufl. 2013) schreibt er über die Leistungsgesellschaft des neoliberalen Kapitalismus: "Das neoliberale Diktum der Freiheit äussert sich in Wirklichkeit als paradoxer Imperativ Sei frei. Es stürzt das Leistungssubjekt in die Depression und Erschöpfung ... Du kannst erzeugt massiv Zwänge, an denen das Leistungssubjekt regelrecht zerbricht ... Der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang, weil kein Widerstand gegen sich selbst möglich ist ... Wer scheitert, ist ausserdem selbst schuld und trägt diese Schuld fortan mit sich herum ... Es gibt auch keine Möglichkeit der Entschuldung und Entsühnung mehr ... Diese Krisen machen deutlich, dass der Kapitalismus ... keine Religion ist, denn jede Religion operiert mit Schuld und Entschuldung. Der Kapitalismus ist nur verschuldend" (S. 16-17).

Levitikus als Ausweg aus der Schuldenkrise und aus Depression und Burnout als Symptomkrankheit der neoliberalen Gesellschaft.

26.05.2013

Maturaufgabe zum Lerngebiet Heilige Schriften (2)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 26.05.2013 16:58

Hilfsmittel: Christliche Bibel (Lutherbibel)

Aufgaben und Fragen:

1.       Wie unterscheidet sich die Anordnung der Bücher in der jüdischen hebräischen Bibel von der Anordnung im christlichen Alten Testament?

2.       Die hebräische Bibel endet mit dem 2. Buch der Chronik. Lesen Sie die letzten 5 Verse dieses Buches. Von welchen Ereignissen in der jüdischen Geschichte ist hier die Rede?
Lesen Sie die  letzten beiden Verse des christlichen Alten Testament (ohne die sogenannten Apokryphen)? Welcher Schlussakzent wird hier im Unterschied zur hebräischen Bibel gesetzt?

3.       Erläutern Sie von diesen Beobachtungen aus Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Judentum und Christentum.
Was ist für Sie in diesem Kontext eine besondere Stärke des  Judentums, was des Christentums?

Maturaufgabe zum Lerngebiet Heilige Schriften (1)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 26.05.2013 16:55

Wenn Sie an der Kanti Wohlen das Ergänzungsfach Religionslehre besuchen, könnten Sie folgende Aufgabe in der mündlichen Maturprüfung bekommen

 

Irenäus von Lyon, christlicher Theologe und Bischof, gestorben um 200 n.u.Z. schrieb mehrere Bücher „Gegen die Häresien“ (Häresie = abweichende Lehre).

Im 1. Buch Kapitel 27.2 spricht er von Markion, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts in der christlichen Kirche von Rom grossen Einfluss hatte. Irenäus schreibt:

 „Markion aus Pontus … bezeichnete … den Gott des Gesetzes und der Propheten als den Urheber des Übels, den Anstifter der Kriege, der unbeständig in seinem Entschlüsse sei und sich selbst widerspreche. Jesus stamme ab von jenem Vater, der über dem Schöpfer der Welt stehe; unter dem Landpfleger Pontius Pilatus, welcher der Prokurator des Kaisers Tiberius war, sei er nach Judäa gekommen, und indem er sich denen offenbarte, die in Judäa waren, habe er die Propheten, das Gesetz und alle Werke des Gottes aufgehoben, den er den Beherrscher der Welt nennt. Dazu beschnitt er das Evangelium nach Lukas, merzte alles aus, was über die Geburt des Herrn (= Jesus Christus) dort geschrieben ist, und strich aus den Lehrreden des Herrn jene zahlreichen Stellen, in denen der Herr gemäß der Schrift den Schöpfer dieses Weltalls als seinen Vater bekennt … Ebenso kürzte er auch die Briefe des Apostels Paulus und strich alle die Stellen, in denen derselbe Gott den Schöpfer der Welt nennt und diesen als den Vater unseres Herrn Jesu Christi bezeichnet, und ebenso die prophetischen Stellen, die der Apostel auf die Ankunft des Herrn bezieht.“

 

Fragen und Aufgaben:

  1. Welche Überzeugungen vertrat Markion nach der Darstellung des Irenäus? Was gehört nach Markion zur christlichen Bibel? Was nicht?

     

     

  2. Hat Markion sich durchgesetzt?

    Ordnen Sie die Auseinandersetzung mit Markion in die Entwicklung der christlichen Kirche der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ein.

     

     

  3. Gibt es Ihrer Meinung nach Auswirkungen der Lehren Markions im heutigen Christentum? Entwickeln Sie Argumente für und gegen seine Positionen.

    Nehmen Sie persönlich Stellung zu Markion.

12.03.2013

Gestillt oder entwöhnt?

von Peter Zürn — Letzte Änderung 12.03.2013 17:30
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Psalm 131 zeichnet ein Bild von Gottesbeziehung - für die Seele bei Gott. Zeigt das Bild einen Säugling, der völlig auf die Versorgung durch die Mutter angewiesen ist oder zeigt es ein entwöhntes Kind, das auch festere Nahrung verdauen und Zeiten aushalten kann, in denen es nicht sofort befriedigt wird?

Bei der Jahresversammlung der IGB, der Interessenvertretung Bibliodrama, stand Psalm 131 im Zentrum. Ein Übersetzungsvergleich war einer der Schritte, ihm näher zu kommen. Der zeigte den strittigen und deswegen spannenden Punkt: Vers 2 - ein Bild von der Seele bei Gott. Ist sie ruhig wie ein gestilltes Kind bei der Mutter, wie es in einigen Übersetzungen hiess oder wie ein entwöhntes Kind (BigS, Buber, Zürcher)? Die Gute Nachricht und die Einheitsübersetzung legen sich nicht ganz fest und übersetzen "wie ein sattes" bzw. wie ein "kleines Kind". Das gestillte, satte und kleine Kind lassen aber ein ähnliches Bild der Seele entstehen: zufrieden und ge/erfüllt bei der Mutter Gott liegend. Ruhig heisst dann zufrieden dösend, schon fast schlafend. Gott ist der/die grosse Versorger/in, die Seele ist die Aufnehmende, aber auch die Angewiesene und Abhängige. Da lässt sich leicht die Kirche ins Spiel bringen, die genau solche Seelen braucht, die sie stellvertretend für Gott stillen kann...

Ganz anders ist es, wenn es um das abgestille, das entwöhnte Kind geht. Ruhig ist es, weil es nicht mehr sofort schreit, wenn es Hunger hat. Es kann warten, hat Vertrauen gewonnen. Es hat Selbständigkeit gewonnen. Und es kann feste Nahrung zu sich nehmen und verdauen. Was heisst das für die Seele bei Gott? Sie hält es aus, wenn die Gottesbeziehung nicht immer nährt. Sie ist nicht abhängig, sondern einen wesentlichen Schritt vorangekommen in der Selbständigkeit. Ein Stück weit gereift, mit immer mehr Lebenserfahrung. Sie kann warten und sie kann auch etwas verdauen, was nicht so leicht runtergeht wie Milch. Etwas, das zu beissen gibt. Kritische Fragen an Gott und die Welt, Zweifel, Erfahrungen, die nicht aufgehen, die verunsichern und herausfordern...

Das Wort, das in Psalm 131 verwendet wird, kommt von der hebräischen Wurzel glm. Sie bedeutet reifen, entwöhnen. Die Stellen, an der es in der Bibel auftaucht, sprechen klar für das entwöhnte, nicht für das gestillte Kind: 1 Sam 1,23 und 24: Hannah bringt ihren Sohn erst in den Tempel, nachdem sie ihn entwöhnt hat. Hosea 1,8: Gomer wird wieder schwanger, nachdem sie ihr ersten Kind entwöhnt hatte. Jes 28,9 braucht das Bild von den entwöhnten Kindern im Kontext von Lehre und Weitergabe von Erkenntnis, allerdings im negativen Sinn. Falsche Propheten sprechen so, als würden sie sich an Kinder wenden, die man eben erst von der Milch entwöhnt hat. Das heisst doch, sie bringen Erkenntnisse, die Menschen nicht als reife Persönlichkeiten mit erwachsenem Glauben ansprechen, der schon durch Krisen gegangen ist, sondern sie in ihrem Kinderglauben festhalten wollen. Mir kommt Paulus mit seinem Brief an die Gemeinde in Korinth in den Sinn, der die Menschen dort eher noch in der Säuglingsphase des Glaubens und der Gottesbeziehung wahrnimmt und schreibt: "Vor euch konnte ich nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise, denn diese konntet ihr noch nicht vertragen" (1 Kor 3,1-2). Auch wenn Jesaja die Zeit der Mündigkeit später ansetzt als bei der Entwöhnung von der Muttermilch, so ist die Entwöhnung, das Abstillen doch ein Schritt, sich von der Milch hin zu fester Speise zu entwickeln, im Glauben zu reifen. Die geisterfüllte Seele, die Paulus gerne ansprechen würde, ist nicht mehr im Kinderglauben verhaftet, dass Gott schon alles richten wird, dass die Mutter Kirche schon für alles sorgen wird, dass die ideale Glaubenshaltung die des ruhig gestellten und abhängigen Säuglings ist.

08.02.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Teruma - Spende (Ex 25,1-27,9)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 08.02.2013 21:35
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Im Zelt der Begegnung /Tempel gibt es heilige und allerheiligste Räume. In unserer Welt und unserem Leben gibt es nicht heilig oder unheilig, sondern heilig und sehr heilig.

Mit dieser Wochenlesung beginnt im Buch Exodus die Darstellung des Begegnungszeites, dem transportablen "Vorbild" des späteren Tempels. Um das Begegnungszeit geht es jetzt bis zum Ende des Buches. Goldberger weisst auf zwei wichtige Eigenheiten der Tora hin, die unser ganze Bild der Bibel verändern sollten:

1. Die Tora erzählt über die Entstehung des Zeltes der Begegnung 10mal mehr als über die Entstehung der Welt. Und die Textmenge zum Begegnungszelt übersteigt auch bei weitem die Texte mit Geboten und Verboten.
2. In der christlichen Tradition heisst das zweite Buch der Tora "Exodus", weil es von der Befreiung aus Ägypten handelt. Aber 5 von den 11 Wochenlesungen handeln eben von der Errichtung des Zeltes der Begegnung.

Goldberger folgert der rabbinischen Tradition entsprechend daraus:
1. Dass die Tora mehr daran interessiert ist, dass wir in unserer Mitte einen Ort der Begegnung mit Gott gestalten als an allem anderen  - dass wir die Entstehung der Welt durchschauen oder die richtigen Gesetze befolgen...
2. Der Exodus, die Befreiung aus Ägypten, kommt nicht am Sinai zu ihrem Ende und Höhepunkt, sondern in der Errichtung des Begegnungszeltes. Dass wir jederzeit einen Ort gestalten können, an dem wir Gott begegnen, ist das Ziel des Exodus und sichert die erlangte Freiheit.
Das Judentum ist in der christlichen antijüdischen Polemik als Religion des Gesetzes verunglimpft worden. Leider nicht als Religion der Begegnung mit Gott, was der Tora mehr entsprechen würde.

Ein Gedanke Goldbergers zum Text der Wochenlesung ist noch besonders wichtig und anregend: Im Zelt der Begegnung gibt es zwei Räume, einen heiligen und allerheiligsten Raum. So ist die Welt und unser Leben: Es gibt nicht heilig und unheilig, sondern mehr oder weniger heilig. Das ist eine wunderbare Anregung für den offenen, neugierigen und wohlwollenden Blick auf die Welt und den gnädigen Blick auf das eigene Leben.

02.02.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Mischpatim - Rechtsvorschriften (Ex 21,1-24,18)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 02.02.2013 21:44
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Michael Goldberger erzählt einen Witz, der vielleicht deutlich macht, was der Unterschied ist zwischen jüdischem und christlichem Umgang mit der Bibel: Anlässlich eines Symposiums müssen ein Rabbiner und ein Pfarrer das Hotelzimmer teilen. Am Morgen sagt der Pfarrer zum Rabbi: Ich hoffe, Sie konnten gestern gut einschlafen. Weil ich doch das Licht so lange habe brennen lassen. Wissen Sie, ich kann nachts nicht einschlafen, ohne mindestens eine halbe Stunde in der Bibel gelesen zu haben. Worauf der Rabbi antwortet: Bei mir ist es umgekehrt. Wenn ich eine halbe Stunde in de Tora lese, kann ich überhaupt nicht einschlafen.

"Wenn man in der Thora auf eine Textstelle stösst, die zunächst einmal schockiert, etwa auf den Juden, der seine Tochter als Magd verkauft (VGL. Ex 21,7) oder den Vergewaltiger, der sein Opfer heiraten soll (VGL. Ex 22,15), so bieten sich verschiedene Möglichkeiten an, diesen Schock zu bewältigen. Die erste ist, das geschriebene Wort für bare Münze zu nehmen, die aber nicht mehr gangbar ist. "Damals" hätten eben andere Zustände geherrscht, wir aber hätten diese primitiven und schlimmen Zeiten Gott sei Dank ja längst überwunden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, in diesen Stellen die Bestätigung für das grausame archaische Joch des Gesetzes zu finden, welches ebenfals längst abgeschüttelt sei. Die nächste Möglichkeit besteht darin, heikel-lästige Passagen der Thora zu ignorieren und aus der Schrift nur jene Teile herauszuklauben, die genehm und akzeptabel sind.
Jemandem aber, dem sein Judentum lieb ist, der ein modernes Leben im 21. Jahrhundert führen will, ohne die Thora, die ihm wert ist, zu diesem Zweck über Bord zu werfen, steht ein vierter Weg offen: die weitgehende Interpretation jedes Thoraabschnittes, wie es der Talmud - und damit das rabbinische Judentum überhaupt - demonstriert ... Die Thora kann nicht einfach gelesen werden. Sie muss gelernt und fortlaufend interpretiert werden und gibt erst so ihren Sinn allmählich preis. Die Offenbarung der Thora dauert an und hält jeden, der dafür bereit ist, wach" (Goldberger 218f.).
"Ozean der Lehre" betitelt Gotldberger seinen Beitrag zur Wochenlesung Mischpatim, aus dem ich hier ausführlich zitiert habe. Lassen wir uns einladen, auf diesem vierten Weg mitzugehen. Ich lade sie zu einer wachen Zeit mit diesen beiden angesprochenen Versen ein. Wie können wir den Vers vom Verkauf der Tochter als Magd oder Sklavin in Ex 21,7 oder den Vers vom Vergewaltiger, der sein Opfer heiraten soll in Ex 22,15 heute interpretieren, damit sie ihren Sinn als Teil der Tora, der Weisung zum Leben, preis geben?

30.01.2013

Die christliche Bibel beeinflusst die jüdische Bibel

von Peter Zürn — Letzte Änderung 30.01.2013 16:37

Die Septuaginta ist die Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische. Das aus dem Judentum entstehende Christentum übernimmt die Septuaginta als Altes Testament. So war bisher etwas vereinfacht meine Vorstellung. Jetzt hat aber Heinz-Josef Fabry mit seinem Artikel "Ein Gott - zwei Testamente - drei Kanones" (in: Erinnerungskultur in der pluralen Gesellschaft, hrsg. von Reinhold Boschki und Albert Gerhards, Paderborn 2010) meine Vorstellungen ziemlich durcheinander gebracht. Es spricht viel dafür, dass die Septuaginta zwar aus der hebräischen Bibel übersetzt, gleichzeitig aber die ältere Anordnung der Schriften im Kanon darstellt. D.h. dass die Reihenfolge der Bücher in der hebräischen Bibel das Werk späterer, rabbinischer Gelehrter ist, vermutlich der Masoreten im 10. Jahrhundert, die auch die Vokalisation eingefügt haben. Und es spricht viel dafür, dass die Änderung der Reihenfolge der Bücher eine Reaktion auf die christliche Bibel ist.

Konkret bewahrt die Septuaginta eine Reihenfolge, die einer "historischen" Leitlinie folgt. Es wird die Geschichte des Volkes Israel erzählt, beginnend bei der Erschaffung der Welt. Für das Christentum war das sehr sinnvoll, denn das Alte Testament wurde so zu einer grossen Brücke, die zur Geschichte Jesu Christi hinführte. Das rabbinische Judentum unterbrach diese Brücke gleichsam, indem es mehrere Brückenpfeiler abriss und an anderer Stelle einfügte. So zum Beispiel das Buch Rut, das aus dem historischen Zusammenhang nach dem Buch der Richter und vor den Büchern Samuel herausgenommen und zu den späteren Schriften versetzt wurde. Warum? Das Buch Rut ist die Brücke zur Königsdynastie des Hauses David, an die das Christentum mit seinem Messias Jesus, dem Sohn Davids anbaute. Diesen Übergang wollte man unterbrechen und verlegte darum das Buch Rut. 

Fabry bringt weitere Beispiele. Für mich ist entscheidend, dass es zwischen Hebräischer Bibel, Septuaginta und Altem Testament ein komplexes Beziehungsnetz von gegenseitiger Beeinflussung gab und gibt.

28.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung (und zu Krise und Reform in der katholischen Kirche): Jitro (Ex 18,1-20,23)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 28.01.2013 17:30
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Gottes Gegenwart hängt nicht an bestimmten Orten und seien sie für die Tradition noch so wichtig, sondern am dem, was an diesen Orten möglich ist.

Mose ist überlastet. Alles hängt an ihm. Goldberger formuliert etwas ironisch: "Die recht elementare Idee, sich durch Ratgeber helfen zu lassen, kommt ihm nicht in den Sinn" (208). Da kommt Jitro, sein Schwiegervater und erfahrener Priester, allerdings nicht des Gottes Israels. Er wird Moses helfen und für Entlastung sorgen. Vorher aber fragt er Moses: "Was ist das, was du dem Volk antust? Warum sitzt du allein und das Volk umringt dich?" (Ex 18,14). Ihn interesiert also nicht in erster Linie, was sich Moses selbst antut, wenn er sich um alles kümmert und sich für unersetzlich hält. Jitro will nicht Mose vor Schaden bewahren, sondern das Volk. Goldberger: "Jitro warnt Moses davor, sich nicht als einzige Autorität dazustellen und so andere Menschen an der Entwicklung ihres geistigen Potentials zu hindern. "Wenn du", so scheint Jitro seinem Schweigersohn zu sagen, "weiterhin alleine richten wirst, so wird jeder Jude denken, dass nur du, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat, die Lehre verbreiten darf. Niemand wird die Gesetze studieren, sondern sich entmutigt auf dein Wort verlassen" (208f.).
Ich lese in dieser Auslegung des Wochentextes eine Weisung für mich als Schriftgelehrten und Bibellehrer. Ich lade alle überlasteten Verantwortlichen in der katholischen Kirche, nicht nur die Priester, aber natürlich die auch, dazu ein, sich ebenfalls angesprochen zu fühlen.
Es geht noch weiter. Goldberger nimmt in einer anderen Auslegung der Wochenlesung wahr, dass der Sinai, an dem die zentrale Offenbarung der Tora und der Bundesschluss sich ereignet haben, nicht zu einem jüdischen Heiligtum und Wallfahrtort geworden ist. Ja es heisst sogar, dass die jüdischen Gelehrten sogar davon ausgehen, dass sich die Schechina, die Gegenwart Gottes, nach der Offenbarung wieder vom Sinai entfernt hat (Rabbi Acha in Exodus Rabba 2,2). Warum? Weil bei der Offenbarung am Sinai das Volk Israel aus Überwältigung letztlich passiv geblieben ist. So hielt Gott einen Monolog. Der Tempel und später die Synagoge sind Orte, an denen die Gegenwart und Heiligkeit Gottes bleibt. Denn Tempel und Synagoge sind Orte des Dialogs zwischen Gott und Menschen sowie von Mensch und Mensch. Goldberger wünscht sich Synagogen, die wie der ursprüngliche Tempel verschiedene Eingänge haben, als Zeichen dafür, dass es allen Juden möglich sein muss, Zugang zu finden und teilzuhaben an der Heilung der Welt durch Gottesdienst und gute Taten (214).
Mein Impuls für die Kirche: Wenn die Gegenwart Gottes damit verbunden ist, wo die Aktivität aller Glaubenden und Dialog und viele verschiedene Zugänge möglich und willkommen sind, dann bekommen wir eine grosse Freiheit und können uns von Orten verabschieden, die das nicht ermöglichen und seien sie auch noch so wichtige Orte der Tradition.

21.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Beschalach - Als er wegschickte (Ex 13,17-17,16)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 21.01.2013 11:15
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Die starke Hand Gottes zieht Israel aus der Sklaverei - eine schnelle Nothilfe. Ohne Hast und Schritt für Schritt lernt das Volk Gottes inklusive des Pharaos frei zu sein und dem Leben zu dienen.

Der jüngste Beitrag von Thomas Markus Meier über sperrige Texte und Musikgehör regt mich an, die aktuelle Wochenlesung und die Auslegungen von R. Goldberger auch auf die aktuellen Auseinandersetzungen in der Katholischen Kirche hin zu lesen. Da deutet Goldberger eine vertraute Formulierung zum Exodus wie sie z.B. in Dtn 5,15 steht: Gott befreit Israel "mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm". Goldberger schreibt: "Der ausgestreckte Arm richtet sich gegen die Ägypter, die starke Hand war erforderlich, um die Juden - gegen ihren Willen - aus der Gefangenschaft zu zerren" (204). Da taucht vor meinem geistigen Auge das Bild auf, wie Gottes starke Hand das kirchliche Volk Gottes mitsamt seinen Hirten in die Freiheit zerrt. Aus dem Sklavenhaus reglementierter Enge hinaus in Richtung des Reiches Gottes. Ein solches Geschehen hat Vor- und Nachteile: "So wurde zwar das Volk vor der totalen Vernichtung errettet, doch ... das Volk wählte nicht die Freiheit, sondern wurde dazu gedrängt. Ägypten wurde abgeschüttelt, aber nicht Schritt für Schritt überwunden. Ägypten blieb Ägypten. Das jüdische Volk wurde befreit, aber das Böse blieb bestehen. Deswegen jagt der Pharao den flüchtenden Juden nach. Deswegen wünschten sich die Juden nach Ägypten zurück."
In der Not braucht es eine solche Befreiung. Leben wir als Kirche in einer solchen Notsituation? Ich denke ja. Es ist Zeit, um für die starke Hand Gottes zu beten und zu danken.
Ideal ist eine solche Befreiung nicht. Die ideale Befreiung, die endgültige Erlösung erträumt Jesaja. Sie erfolgt "nicht in Hast" (Jes 51,12), sondern "Schritt für Schritt" (Jes 51,7), erkennbar für "jedes Auge" (Jes 52,8). So aus dem Sklavenhaus auszuziehen hat zur Folge, dass ein Tempel für alle Völker entsteht, in dem auch der Pharao befreit Gott dient, dem Leben in Fülle, wo all die verschiedenen Heilsgeschichten zu ihrer Vollendung, ihrem Schalom, kommen.

13.01.2013

Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Bo - Komm (Ex 10,1-13,16)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 13.01.2013 13:37
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Gott ist im Pharao - im Pharao kann ich Gott erkennen

Aus dem ersten Wort der Wochenlesung, das ihr den Namen gibt, entwickelt Goldberger eine ganze Anthropo- und Theologie. "Bo", "Komm", spricht Gott zu Mose. "Komm zum Pharao",  nicht "Geh zum Pharao". Das setzt voraus, dass Gott beim Pharao ist. Mehr noch: dass Gott im Pharao ist. Was wir gewohnt sind, zu lesen: "Ich habe sein Herz verhärtet" (gewohnt zu lesen, nicht zu verstehen, es löst immer wieder Irritationen und Widerstände aus), heisst im Hebräischen: ki ani hichbadeti et libo. In hichbadeti steckt die Wurzel kbd, schwer. Sie erinnert an die Kabod, die Schwere oder Ehre Gottes. Goldberger übersetzt: "Komm zum Pharao, denn ich habe meine Ehre in sein Herz gelegt" und führt die Worte Gottes weiter: "Du siehst Meine Ehre und Meine Kraft, verborgen im Pharao. Alles, was er darzustellen scheint, ist nur Abbild eines Funkens Meiner Würde." Verhüllte Würde Gottes in allen (scheinbaren) Herren dieser Welt. Verhüllte Macht Gottes in allem, was Menschen ihrer Freiheit und Würde beraubt, auch in meinen eigenen inneren Triebkräfte und Schatten. Goldberger erzählt vom Kotzker Rebbe, der die guten Eigenschaften des Pharaos während der 10 Plagen  bewundert, sein Durchhaltevermögen und seine Beharrlichkeit... Im Bedrücker kann ich Gott und mich erkennen. "Gott riet Mose, zum Pharao zu kommen, dass er Seine Allmacht durch ihn entdecken kann" (alle Zitate 178ff.)

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