März
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30.03.2011
In Zungen reden - überlieferte Stimmen neu montieren
In einem Artikel über Bob Dylans Montagetechnik findet sich ein sehr interessantes Verständnis dessen, was die Bibel "in Zungen reden" nennt.
"Jeder und jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" heisst es im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth (12,7). Und bei der Aufzählung dieser nützlichen Geistesoffenbarungen steht auch "verschiedene Arten von Zungenreden" (12,10). Auf eine wunderbare Deutung einer Art von Zungenreden bin ich bei Heinrich Detering, in einem Artikel über Bob Dylan gestossen. Detering beschreibt Dylans Kunst der Montage von Songtexten und Prosa. Er baut ein Gebäude und verwendet Materialien aus den unterschiedlichsten Quellen - von Charlie Chaplin über den Südstaatenpoeten Henry Timrod, die Bibel, Alice in Wonderland, die Tristien des Ovid, Marcel Proust, Jack London und Mark Twain. Für Detering wird "die Grandiosität des Gebäudes erkennbar, in das solche Bruchstücke eben so vollkommen plausibel eingefügt worden sind, dass kein Leser sie voneinander und von der Stimme des Erzählers zu unterscheiden vermochte." Und dann findet er eine wunderschöne Definition für Zungenreden: "In Zungen reden, im Singular eines souveränen Ich den Plural einer unendlich weit aufgefächerten Überlieferung hörbar machen zu können: Es ist diese Kunst, die in Dylans gedruckten wie in seinem gesungenen Spätwerk makellos hervortritt."
Quelle: Heinrich Detering, Der Nobelpreis und Mr. Dylan in: Klaus Theweleit (Hg.), How does it feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch, Berlin 2011, S. 293f.
Lektüre von Levitikus 16 (1)
Ein anderes Bild des Versöhnungstages: komplex, widersprüchlich, mit der Aufmerksamkeit für Räume und Beziehungen im Zentrum
Der Papst liest Levitikus 16 und findet eine Maschine zur Blutreinigung - habe ich geschrieben. Meine eigene Lektüre bestätigt das ganz und gar nicht. Ich lese nichts davon, dass Blut Sünden aufnimmt, Gott berührt und dadurch gereinigt wird. Was mit stattdessen bei der ersten Lektüre von Lev 16 auffällt, ist:
1. Wie fast immer in der Bibel gibt es keine Eindeutigkeit, sondern vielfältige Vorstellungen rund um das Ritual der Versöhnung. Beschrieben ist das Fest des Versöhnungstages nicht nur in Lev 16, sondern auch in Lev 23 und in Num 29. Und dabei setzen die Texte ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Ausserdem gibt es Riten für ein versöhnendes Handeln an einem bestimmten Tag auch in Jona 3 und Joel 1,13-15.
Sogar innerhalb von Lev 16 fliessen zwei verschiedene Rituale ineinander. Neben die versöhnenden Opfer, die weitgehend (aber nicht ganz) aus Lev 1-7 bekannt sind, tritt das aussergewöhnliche und nur hier beschriebene Ritual des Sündenbockes, der mit den Sünden des Volkes beladen in die Wüste zum Dämon Asasel gebracht wird.
Wie der Versöhnungstag wirklich gefeiert wird, wissen wir weniger aus der Bibel als aus späteren jüdischen Traditionen, wie etwa dem Talmudtraktat Joma.
2. Lev 16 ist ausserdem stark daran interessiert, den Zugang zum Allerheiligsten, dem Raum hinter dem Vorhang, dem Raum der Bundeslade mit ihrer Deckplatte (kapporet, hilasterion) nur dem höchsten Priester vorzubehalten. Damit widerspricht der Text anderen Bibeltexten wie Ex 25,22 oder Num 7,89, wo Moses genau an diesem ort Offenbarungen empfängt und Gott begegnet. In der Bibel streiten unterschiedliche Interessengruppen um ihren Einfluss. Die Schriftgelehrten (verkörpert in Moses) streiten mit den Priestern. Die Bibel überliefert beide Positionen.
3. Im Zentrum der Aufmerksamkeit von Lev 16 steht gar nicht die Entsühnung des Volkes von seinen Sünden, sondern die Reinigung des Heiligen Ortes. Ein regelmässig stattfindender Versöhnungstag sorgt für die regelmässige Entfernung des "Alltagsstaubes" (Gerstenberger), der Gottes Gegenwart (oder die Wahrnehmung von Gottes Gegenwart) am Heiligen Ort behindert. Ein verstaubter oder vergifteter Ort behindert bzw. verunmöglicht die Beziehung zwischen Menschen und Gott. Die geglückte Beziehung zeigt sich im Leben in Fülle. Mir kommt dieser Gedanke angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan sehr nahe: ein vergifteter Ort verhindert Leben - für Jahrtausende.
25.03.2011
Der Papst liest Levitikus
und entdeckt in Lev 16 eine Maschine zur Bluttransfusion
Da bin ich doch unversehens mit meiner Levitikus-Lektüre in interessante Gesellschaft geraten. Joseph Ratzinger v/o Benedikt XVI., bezieht sich im gerade erschienenen zweiten Band seines Jesusbuches (Herderverlag 2011) ebenfalls intensiv auf das Buch Levitikus und zwar besonders auf das Ritual des Versöhnungstages aus Lev 16, auf das sich wiederum auch Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom(Röm 3,23ff.) bezieht. Paulus schreibt (offenbar in einer eigenen Übersetzung des Papstes): "Ihn [Jesus Christus] hat Gott öffentlich als Sühne aufgestellt, die kraft seines Blutes durch Glauben (ergriffen wird) zum Erweis seiner Gerechtigkeit, so dass er die zuvor begangenen Sünden dahingehen liess."
Das Wort, das hier mit Sühne übersetzt wird, lautet im Griechischen hilasterion, im Hebräischen kapporet und bezeichnet die Deckplatte der Bundeslade. Sie spielt im Ritual des Versöhnungstages nach Lev 16 eine wichtige Rolle. Sie wird mit dem Blut des Opfertieres bespritzt.
Der Papsst übernimmt die Interpretation dieses Rituals durch Ulrich Wilkens, der schreibt, dass damit das Leben des Opfertieres "stellvertretend für das verwirkte Leben der menschlichen Sünder Gott anheimgegeben wird". Und dann fügt er einen eigenen Gedanken an: "Der Gedanke dabei ist, dass das Opferblut, in das alle menschlichen Sünden aufgenommen sind, die Gottheit selbst berührt, so gereinigt wird und dabei die Menschen, für die dieses Blut steht, durch die Berührung mit Gott gereinigt werden: ein in seiner Grösse und zugleich in seiner Unzulänglichkeit erschütternder Gedanke, der nicht das letzte Wort der Religionsgeschichte, nicht das letzte Wort der Glaubensgeschichte Israels bleiben konnte" (Jesus von Nazareth II, S. 55).
Stimmt denn diese Interpretation von Wilkens/Ratzinger mit dem Text von Lev 16 überein? Nach meiner bisherigen Lektüre von 8 Kapiteln Levitikus sind mir jedenfalls die Formulierungen "stellvertretend für das verwirkte Leben", "Gott anheimgegeben", "das Opferblut, in das alle menschliche Sünden aufgenommen sind", "die Gottheit berühren und so reinigen", "so die Menschen durch die Berührung mit Gott reinigen" noch nicht begegnet. Die Ratzinger/Wilkens-Interpretation weckt in mir das Bild einer gewaltigen Maschine für Bluttransfusion und Blutreinigung. Und darauf passt dann die (Ab-)Wertung ganz gut: "ein in seiner Grösse und zugleich in seiner Unzulänglichkeit erschütternder Gedanke, der nicht das letzte Wort der Religionsgeschichte, nicht das letzte Wort der Glaubensgeschichte Israels" sein kann.
Ich werde jetzt mal zu Lev 16 und seinem Umfeld springen und mir mit der päpstlichen interpetation im Hinterkopf die Texte genauer und andere Kommentare genau anschauen.
24.03.2011
Lektüre von Levitikus 8
Der Text beschreibt ein öffentliches Ritual zur Weihe der Priester für den Dienst am Heiligtum. Alle Elemente sind in den ersten beiden Versen als Rede Gottes zu Mose zusammengefasst: "Nimm Aaron und seine Söhne, die Gewänder, das Salböl, den Stier für das Sündopfer, die beiden Widder und den Korb mit den ungesäuerten Broten. Dann ruf die ganze Gemeinde am Eingang des Offenbarungszeltes zusammen." Die Gruppe, die zum Priesterdienst zugelassen ist, wird gewaschen und bekleidet und mit Öl gesalbt. Ein Sündopfer (Stier), ein Brandopfer (Ganzopfer; Widder)) wie sie in den Kapiteln vorher beschrieben wurden, werden dargebracht. Dazu kommt eine neue Form von Opfer mit einem Widder und ungesäuerten Broten mit bereits bekannten und unbekannten Elementen.
Der Kommentator Gerstenberger geht davon aus, dass es sich dabei nicht um eine Erzählung eines bestimmten, so abgelaufenen Ereignisses handelt, sondern um eine Textkomposition, die vielleicht zur Verlesung im Gottesdienst bestimmt war. Denn der Text von Lev 8 bzieht sich ganz eng - mitunter wortwörtlich - auf den Text von Exodus 29, wo die Einsetzung des Rituals am Berg Sinai beschrieben wird. Der Text von Lev 8 "soll zeigen, dass der den Zeitgenossen bekannte Opfergottesdienst im Tempel von Jerusalem am Sinai begründet wurde und noch immer nach dem selben Muster abläuft" (Gerstenberger 92).
Dann ist unser Text, Lev 8, also jünger als der von Ex 29. Viel ist geschehen, hat sich verändert, die Welt hat sich weiter gedreht, Verbindungen zum Früheren sind abgerissen oder doch zerbrechlich geworden. Das Ritual stellt eine solche Verbindung wieder her, stärkt sie, spricht von Kontinuität, behauptet sie vielleicht (nur), fordert dazu heraus, ihr zu trauen.
15.03.2011
Lektüre von Levitikus 8,35
Sieben Tage sitzen und auf die Weisungen Gottes achten
So, nach einer kleinen Pause in der fortlaufenden Lektüre geht es jetzt weiter. Bevor ich mich systematisch mit den Kapiteln 8-10 beschäftige, die inhaltlich zusammenhängen, möchte ich der Spur eines einzelnen Verses nachgehen.
In Lev 8 geht es um die Einsetzung der Priester am Heiligtum, verkörpert durch Aaron und seine Söhne. Nach einem langen Opferritual heisst es dann:
"Sieben Tage lang sollt ihr am Eingang des Offenbarungszeltes bleiben und auf die Anordnungen des Herrn achten; dann werdet ihr nicht sterben. Denn so ist es mir befohlen worden." Das sagt Mose in Lev 8,35 zu Aaron und seinen Söhnen. 7 Tage sollen sie bleiben. im Hebräischen steht hier die Verbform teschbu vom Infinitiv schabat, aufhören, ruhen. Sieben Tage Schabbatruhe. Sieben Tage Achten auf die Anordnungen Gottes, also Torastudium.
Sieben Tage Bibellesen am Beginn der Tätigkeit des Kultpersonals. Das erinnert mich doch sehr an das, was die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu nach seinem Tod und nach der Erfahrung, dass mit diesem Tod nicht alles zu ende ist, sondern es im Gegenteil weiter geht und er weiter lebt. "Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet" hören sie als Anweisung des Auferstandenen an sie in Lk 24,49b. Kathisate heisst es hier auf Griechisch (von kathizo), wörtlich übersetzt: bleibt Sitzen. Gerhard Jankowski verweist darauf, dass sich diese merkwürdige Formulierung auf Deuteronomium 1,6 bezieht, wo Mose zum Volk Israel sagt, nachdem es am Gottesberg verweilt und Tora empfangen und gelernt hat: "Lange genug eures Sitzens an diesem Berg". In der Einheitsübersetzung heisst es: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf." Im Hebräischen steht hier: rab-lachäm schäbat, genug eures Ruhens. Die antike griechische Bibelübersetzung Septuaginta übersetzt mit katoikein, wohnen.
Die Worte stimmen nicht genau überein. Dem Inhalt nach gibt es aber grosse Übereinstimmungen. Priester, Volk, Jüngerinnen und Jünger brauchen Ruhezeit, um Tora zu hören und zu lernen, bevor sie bereit sind und aktiv werden können. Die gesamte Zeit des Volkes Israel in der Wüste, 40 Jahre, war eine solche Zeit des Hörens und Lernens. Jankowski schreibt: "Vierzig Jahre, eine Generation lang, hate das Volk abseits von allen anderen Völkern in der Wüste eine neue Lebensweise zu lernen, die nicht mehr von Herrschaft und Versklavung bestimmt war. Und es hatte zu lernen, was Freiheit heisst und dass die Freiheit nicht ohne Disziplin sein kann. Das bleibt für Lukas das grosse Paradigma. Wieder muss gelernt werden. Auf dem Fundament der einmal gegebenen Weisung. Neu und anders muss gelernt werden." Denn: "Die Ekklesia des Lukas lebt in anderen Zeiten. Das Land der Freiheit ist verwüstet, die Stadt, von der die Weisung ausging, ist zerstört." "Deswegen haben die Schüler [so übersetzt Jankowski das griechische mathätais, das wir gewöhnt sind als Jünger übersetzt zu bekommen] in der Stadt zu sitzen und zu lernen, bis dann der neue Aufbruch erfolgen kann. Und da die Zeit drängt, dauert dieses Sitzen und Lernen nicht mehr eine Generation, 40 Jahre lang, sondern eben 40 Tage lang. In dieser Zeit hört die Ekklesia, dass die messianische Hoffnung nicht erledigt, sondern trotz aller Zerstörung und Verwirrung lebendig ist. Deswegen zeigt sich der Messias in diesen 40 Tagen als lebend" (Gerhard Jankowski, Und sie werden hören. Apostelgeschichte 1,1-9,31 in: Texte und kontexte. Exegetische zeitschrift 91/91 3-4/2001, S. 24-25).
40 Jahre das Volk, 40 Tage die SchülerInnen, 7 Tage die Priester(innen?).
Die Priester allerdings sitzen während der Zeit des Gesamtvolkes am Eingang des Offenbarungszelte. Sie brauchen zusätzliche oder besonders intensive Zeit zu hören und zu lernen.
11.03.2011
Ein neuer Blick auf das Buch Levitikus
Das Buch Levitikus als Versuch, Tempel und Tora zu verbinden; Christen als "undankbare Erben" mit schizoiden Zügen
Die Levitikus-Lektüre verlangsamt sich. Das ist würdig und recht. Mehr Hintergrundwissen ist nötig. Ich habe begonnen, einen dritten Kommentar zu lesen: Erhard Gerstenberger, Das 3. Buch Mose. Levitikus (ATD 6 Göttingen 1993).
Meine beiden ersten wichtigen Erkenntnisse:
1. Gerstenberger erkennt im vorliegenden Text von Lev einen Text des nachexilischen Judentums. Unter persischer Oberherrschaft war begrenzte politische Selbstverwaltung und religiöse Autonomie möglich. Wirtschaftlich allerdings war die Ausbeutung massiv, die sozialen Gegensätze verschärften sich (wenige Reiche, viele Arme/Existenzbedrohte). Es bildete sich in Juda mit dem Zentrum Jerusalem eine "jüdische Konfessionsgemeinde" unter geistlicher Leitung (Priester, Leviten, Schriftgelehrte, Älteste). Zentrum waren Tempelkult und Tora, Gott galt als der eigentliche Herrscher (Theokratie). Es gab einige prägende Spannungsbögen:
- Das Verhältnis von Opferkult und Tora (Toralesung als identitätsstiftende Kraft beschrieben in Nehemia 8)
- das Verhältnis von Zentrum und Peripherie (Abspaltung der Samaritaner mit eigenem Tempel auf dem Berg Garizim, später Qumran; jüdische Diaspora mit den Zentren Babylon und Ägypten)
- Verantwortliche Kreise im Zentrum/Tempel: Priester (und Leviten? Warum heisst das Buch Levitikus, wenn die Leviten doch kaum eine Rolle spielen?) und Verantwortliche Kreise ausserhalb des Zentrums: welche Rolle spielen hier die Leviten?, Schriftgelehrte, Äteste...
Ist die Verschriftlichung der Tempelregeln, also letztlich das Buch Levitikus, der Versuch, Tempelordnung und Toraordnung miteinander zu verbinden? Und das letztlich unter Vorherrschaft der Schrift? Das würde erklären, wieso priesterliches Spezialwissen öffentlich gemacht d.h. gleichsam demokratisiert wird. Das mündet in das zentrale Konzept eines Volkes aus Priestern, das sich in Lev findet. Das unterscheidet die nachexilische Gemeinde von der vorexilischen, wo der Tempelkult ausschliessliche und auschliessende Angelegenheit der Priester war. Vermutlich hat sich der Tempelkult zur Zeit Jesu auch wieder von der direkt nachexilischen Form wegentwickelt.
2. Gerstenberger reflektiert den christlichen Umgang mit dem Buch Levitikus, bezieht sich dabei auf A.H.J. Gunneweg und erkennt eine "schizoide Entwicklung". Einerseits distanziert man sich vom jüdischen Kultgesetz und wertet es massiv ab. Andererseits übernimmt man unter der Hand vieles daraus - vielleicht manchmal in der schlechteren Form: ein vom Volk getrennter christlicher Klerus entsteht, das allgemeine Priestertum verkommt zur theoretischen Grösse, das Abendmahl wird als Opfer verstanden, wie das tägliche Tempelopfer bringen Priester das tägliche Messopfer dar, Kirchengebäude werden um den Altar herum zentriert, der Tabernakel ersetzt das Zelt der Begegnung als Ort der Gegenwart Gottes, der Bischof ersetzt den Hohenpriester, die Taufe ersetzt die Beschneidung als Initiationsritus, den Priestern steht wie dem Haus Aaron der Zehnte zu...
Die Übernahme dieser Elemente wird aber nicht mit ihrem Ursprung verbunden, geschweige denn verdankt. Viel Schlimmer. Gerstenberger formuliert in aller Klarheit: "Wir Christen sind grausam undankbare Söhne und Töchter unserer Glaubensvorfahren gewesen (wenn wir es nicht immer noch sind!). Wir haben die Eltern im Glauben - ohne es uns und der Welt auch nur einzugestehen - gerne beerbt, während wir sie den Schergen und Henkern übergaben. Es fehlte und fehlt uns der klare, ruhige Blick für die Kontinuität der jüdischen und christlichen Religion" (S. 14f.)
07.03.2011
Opfern als Krisenmanagement
Öffentlichkeit herstellen - Verantwortung übernehmen - einen Rahmen schaffen, um eine Krise bewältigen zu können - geht es darum beim Opfern? Ein aktuelles Beispiel.
In der Zeitschrift Chrismon (das evangelische Magazin) Ausgabe 3/2011 schreibt der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik Mainz unter dem Titel "Das darf doch nicht wahr sein!" über den Tod von 3 Babies in seiner Klinik. Er entschied sich sofort an die Öffentlichkeit zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Dabei erinnert er sich -viel weniger dramatisch - auch an ein Erlebnis, das er während seiner Ausbildung hatte: "Als Famulant habe ich in einem chirurgischen Krankenhaus gesehen, wie bei einer Operation ein Bohrer unbemerkt unsteril wurde, weil man durch ein Tuch durchgestochen hatte". Ist das ein aktuelles Beispiel für das, was Lev 4,22 oder 4,27 meinen? "Wenn ein Fürst sündigt und ohne Absicht irgendetwas tut, was nach den Geboten des Herrn, seines Gottes, nicht getan werden darf und schuldig wird, aber jemand ihm die Sünde bewusst macht, die er begangen hat ..." oder: "Sündigt aber jemand vom Volk des Landes ohne Absicht, indem er etwas tut, was nch den Geboten des Herrn nicht getan werden darf und wird schuldig, aber jemand macht ihm die Sünde bewusst, die begangen hat ...".
Bewirken dann die Opferregeln in Lev etwas, was der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik Mainz gegen Widerstand und gegen selbstverständliches Verschweigenwollen tut: Sie stellen Öffentlichkeit her und sie schaffen einen öffentlichen Rahmen dafür, dass Menschen Verantwortung übernehmen können? Sie sind dann ein Element im Krisenmanagement. Oder entspricht das Opfer mehr dem, was der Vorstandsvorsitzende, der beim Namen genannt werden soll: Norbert Pfeiffer, am Ende des Prozesses erlebt? "Als alles vorbei war, hben wir eine Andacht gehalten. Viele angehörige waren da, aber noch mehr Mitarbeiter. Ich glaube, wir sind gestärkt aus dieser Krise hervorgegangen." Oder sollten die beiden Aspekte gar nicht getrennt werden und sind beide im Opferritual vorhanden?
Der Bericht von Herrn Pfeiffer steht im Rahmen des wunderbaren Fastzenzeitprojektes 2011 der Evangelischen Kirche Deutschland: Sieben Wochen ohne Ausreden.
03.03.2011
Eine öffentliche Kultur der Achtsamkeit
Ein erstes Fazit nach der Lektüre von Lev 1-7
These: In Lev 1-7 geht es um die Pflege der Beziehung von Menschen zu Gott - in der Form des Opfers. Es geht also um eine wesentliche Dimension von Religion. Dabei fällt auf:
- bei der Pflege dieser Beziehung gibt es kein Geheimwissen. Alle Beschreibungen sind öffentlich zugänglich
- der Zugang zu dieser Beziehung steht grundsätzlich allen offen, das Kultpersonal hat Dienstleistungsfunktion
- die Gestaltung dieser Beziehung ist komplex, aber versteh- und lernbar. Sie fordert vor allem genaue, differenzierte Wahrnehmungen und Achtsamkeit im Umgang
- die Regeln für die Pflege dieser Beziehung achten explizit darauf, dass der Zugang für möglichst alle offen bleibt (z.B. Zugänge für ökonomisch schlechter Gestellte...). Sie wollen einer Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken
- die entscheidenden Kompetenzen für die Gestaltung der Beziehung sind praktischer Art. Sie stammen aus der alltäglichen Haushaltsführung
- die Schlüsselqualifikation bei der Gestaltung dieser Beziehung ist das Erkennen und Einhalten von Grenzen
01.03.2011
Lektüre von Levitikus 7
Die (unerfüllbare) Sehnsucht nach klarer Systematik - Ende der Opfer in der messianischen Zeit, mit einer Ausnahme - "aus den Stammesgenossen ausgemerzt"?
Ich muss gestehen, mir schwirrt der Kopf von all den Vorschriften und Anweisungen und Ausführungsbestimmungen und Riten über Bestandteile und Orte und Handlungen rund um die verschiedenen Opfer. Das Kapitel 7 macht es dann auch nicht leichter, ausser dadurch, dass es das Thema Opfern vorläufig abschliesst. Nach diesem Kapitel will ich versuchen eine Systematik der ersten 7 Kapitel zu erstellen, vielleicht nur um zu merken, dass eine Systematik vom vorliegenden Text her gar nicht angestrebt wird. Das hat auch damit zu tun, dass der vorliegende Text eben nicht einheitlich ist, sondern verschiedene Zusätze aus unterschiedlichen Interessenlagen beihaltet. So erkennt Thomas Staubli z.B. in den Regelungen 7,28ff. , wo dem Priester nicht nur der rechte Schinken des opfertieres, sondern auch die Brust gegeben werden muss, einen späteren Zusatz zur "Erhöhung der Tempelsteuer in Naturalform. dass dies nicht leicht durchzusetzen war, geht aus den abschliessenden Bekräfitungen (VV. 34-36) hervor, die aus verschiedenen Zeiten stammen dürften und die den Anteil der priester einmal als "Anrecht", einmal als "Regel" für alle Zeiten festzuschreiben versuchen" (Staubli 79).
Fragen wirft auch das Schlusswort (7,35-37) auf. Zum einen weren da alle Opferarten nocheinmal aufgezählt. Dabei wird aber auch das Priestereinweihungsopfer genannt, von dem aber erst ab Kapitel 8 die Rede ist. Stand das Schlusswort einmal an einer anderen Stelle? Oder sind die Priesteropfer in Kapitel 6 allerdings unter einem anderen Namen als dort gemeint?
Zum anderen heisst es in 7,38, dass dieses Gesetz dem Moe auf dem Sinai aufgetragen wurde, während Lev 1,1 doch mit einem Wort Gottes an Moses vom Offenbarungszelt aus beginnt. Wo spielt die Geschichte? Und lässt sich der Schluss von 7,37 so lesen, dass gott das volk darauf verpflichtete, die Opfergaben ausschliesslich in der Wüste Sinai darzubringen?
Besonders herausheben möchte ich noch die Weisungen zum Heils- oder Dankopfer (Lev 7,11-18). In der jüdischen Auslegung der Opfertexte geht man davon aus, dass irgendwann in der Zukunft, wenn der Messias kommt, alle Opfer aufhören werden: "... denn in der messianischen Zeit werden die Menschen sündlos sein". Aber: "Das Dankopfer wird niemals aufhören". Gleiches gilt für die Gebet. "Wenn auch alle Gebete aufhören werden, das Dankgebet wird niemals aufhören" (Kommentar Levitikus Rabba 9,7).
Hier kommt natürlich eine grundsätzliche Anfrage des Judentums an das Christentum zum vorschein. Wenn in Jesus der Messias gekommen und die messianische Zeit angebrochen ist, dann jedenfalls ganz anders als sich die Mehrheit des Judentums das vorstellte...
Doch zurück zum Dankopfer: Dabei handelt es sich um ein Schlachtopfer mit zusätzlich ungesäuerten, mit Öl vermengten Kuchen, ungesäuerten, mit Öl bestrichenen Brotfladen, Kuchen aus Feinmehl und Gebäck aus gesäuertem Brot. Ein üppiges Mahl breitet sich vor uns aus. Essen davon tun die Priester und auch die Opfernden. Hier ist eine der zwei Ausnahmen zu finden, bei der Gesäuertes geopfert werden darf (die zweite findet sich in Lev 23,17 - beim Wochenfest werden zwei Sauerteig-Brote als Erstlingsgaben geopfert).
In Lev 7,18-27 fällt mehrfach der drastisch-drohende Ausdruck: "soll aus seinen Stammesgenossen ausgemerzt werden". Und zwar bei Unreinheit im Zusammenhang mit Opferfleisch und beim Genuss von Fett und Blut (geht es beim Fett nur um das Fett der Opfertiere oder um jedes fette Stück eines Tieres?) Was ist mit dem Ausmerzen aus den Stammesgenossen gemeint? Klar ist, die Ausmerzung (hebräisch karet, abgeschnitten) untersteht Gott allein. Hier wird also keine von Menschen vollzogene Todesstrafe verhängt. Staubli meint: "Jedenfalls wird die weitere Lebensgeschichte der Familie derer, die das Sakrileg begangen haben, im Lichte dieses Vergehens beurteilt" (Staubli 77). Ein früher Tod oder das Aussterben der Familie ohne Kinder wird dann wohl als Erfüllung der karet gedeutet. So deuten es auch die rabbinischen Gelehrten. Nachmanides unterschied zwischen verschiedenen Stufen von karet, je nach Vergehen und Täter. Die schwerste Form schloss die Austilgung aus der Welt jenseits des Grabes ein (nach Plaut 75).

