April
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27.04.2011
Ein theologisches Erdbeben
Warum erzählt das Matthäusevangelium von einem Erdbeben am Ostermorgen? Es handelt sich um kein geologisches, sondern um ein theologisches Erdbeben. Die normale, unausweichliche, vorherrschende Sicht der Wirklichkeit bekommt Risse und bricht zusammen. Dadurch wird aber nicht die heile, sondern die verwundete Welt besser sichtbar.
Vielleicht sollten wir das Wort Wunder als Steigerungs-form von wund betrachten. Die Welt ist wund. Das Wunder der Auferstehung macht das Wunde der Welt noch deutlicher erfahrbar. Auszug aus der Predigt in der Ostermorgenfeier in St. Stephan Therwil am 24.4.2011
13.04.2011
Lektüre von Levitikus 8-9
Zurück zur fortlaufenden Lektüre des Buches Levitikus. Ich war in den Kapiteln 8-9 stehen geblieben, wo ein Gottesdienst im Heiligtum beschrieben wird, in dessen Rahmen Priester eingesetzt werden. Gerstenberger vergleicht in seinem Levitikuskommentar diesen Text mit anderen Beschreibungen von Gottesdiensten im Heiligtum/Tempel und zwar mit der Einweihung des Tempels in 1 Kön 8 und mit dem Gottesdienst nach der Einführung der Bundeslade in den Tempel zur Zeit Davids, dargestellt in den Chronikbüchern (1 Chr 15-16). In 1 Kön stehen Gebete im Vordergrund, dDie Chronik betont v.a. den Anteil von Musik und Tanz am Gottesdienst, in Levitikus stehen die Priester und ihr Handeln im Vordergrund. Gestenberger geht davon aus, dass all diese Texte nicht erzählen, was geschehen ist, sondern Modellbeispiele für ein bestimmtes Gottesdienstverständnis in den Diskurs einbringen. Dabei sind sie jeweils einseitig und parteiisch, um ihre jeweiligen Interessen einzubringen bzw. durchzusetzen. "Hinter der Darstellung von 1 Kön stehen vermutlich die Kreise, denen die Gebetsgottesdienste der exilischen Zeit anvertraut waren. Die chronistische Glorifizierung des Psalmengesangs geht mit ziemlicher Sicherheit auf die levitischen Sängerfamilien zurück. Jede Interessengruppe projiziert ihre Erwartungen in die ferne, gegenwärtige Gottesdienstformen begründende Vergangenheit ... Wer Ansprüche erhebt, schreibt keine Gesamtdarstellungen, sondern beschränlt sich auf das für ihn Wesentliche. Folglich werden wir es in Lev 8-9 mit dem Anspruch von Priestern auf ihr spezifisches Arbeitsgebiet und ihre besondere Berufswürde zu tun haben" (S. 95f.).
Es gibt also nicht DEN biblischen Gottesdienst, sondern ein dynamisches Ringen um die Gestaltung des Gottesdienstes zwischen verschiedenen Verantwortlichen. Ein Modell für heute!
07.04.2011
Lektüre von Levitikus 16 (2)
Thomas Staubli unterscheidet in seinem Kommentar zu den Büchern Levitikus und Numeri zwei Konzepte von Versöhnung, die sich in den biblischen Texten, insbesondere in Lev 16, finden und zwar ein Konzept der Deeskalation und ein Konzept der Reinigung eines Raumes.
1. Das biblische Konzept der Deeskalation geht von der Erfahrung aus, dass die Gefahr gross ist, dass Unrecht weiteres Unrecht nach sich zieht. Sei es, dass jemand, die/der Gewalt erlebt, selbst zum Gewalttäter wird oder dass eine Gewalttat, gegen die nichts unternommen wird, das ganze Umfeld (das soziale System) prägt und vergiftet, so dass sich die gewalttätigen Wirkungen immer mehr anhäufen. Was die Bibel Sühne nennt, ist eine Form der Intervention gegen die Gefahr der Eskalation. Die schuldige Partei versucht wenigstens teilweise Wiedergutmachung zu leisten und appelliert dadurch "an die hochherzige Kompromissbereitschaft der geschädigten Partei und an ihre Einsicht, dass der angebotene Begütigungspreis für sie vorteilhafter ist als ein Schlagabtausch" (Staubli S. 138). Das ist der Hintergrund des leider so oft missverstandenen Grundsatzes "Auge um Auge, Zahn um Zahn", der auf eine (materielle) Entschädigung im Verhältnis zum entstandenen Schaden abzielt. Es geht letztlich um einen Vergleich im Guten. So weit als möglich ist dieser Vergleich zwischen den beteiligten Menschen zu leisten. Es gibt aber Fälle, in denen auch Gott (oder nur noch Gott) als Adressat von Sühneleistungen in Frage kommt. Dann wird Gott im Kult etwas angeboten, das den Schuldigen etwas kostet und das für Gott ein versöhnliches Geschenk darstellt. Dabei braucht es neben dem reinen Vollzug dieser Übergabe auch das Geständnis und die Reue des Menschen sowie seine Bereitschaft zu allen Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Wiedergutmachung. Sie kann nicht durch ein kultisches Opfer ersetzt, sondern nur dadurch ergänzt werden. Wird ein Tier geopfert, dann muss der opfernde Mensch seine Hände auf dieses Tier stemmen um zu zeigen, dass es ihm gehört. Dadurch wird das Tier nicht stellvertretend für den Schuldigen geopfert, die Schuld wird nicht auf Unschuldige abgewälzt. aber die eigentlich anstehende harte Strafe wird durch einen leichteren Preis ersetzt, der einen Verlust für den Schuldigen darstellt - das Blut des Opfertieres (sein Leben) reinigt nicht stellvertretend den opfernden Menschen, sondern der Opfernde verliert das Leben des Tieres, das ihm bisher zu seinem Nutzen zur Verfügung stand. Dieses Angebot, zur Wiedergutmachung des entstandenen Schadens etwas vom eigenen Vermögen herzugeben, bringt Gott dazu, in den Kompromiss einzustimmen, der beiden Seiten das Weiterleben ermöglicht und weitere Gewalt verhindert.
2. Das Konzeptdes Reinigens eines Raumes geht von der Wortbedeutung des hebräischen Ausdrucks für "sühnen", kipper, aus. Es bedeutet bedecken oder wegwischen. Insbesondere der Ausdruck "wegwischen" verweist auf den Reinigungsvorgang, den man sich bei einer Sühne vorstellt. Gereinigt wird v.a. durch das Blut des Opfertieres, das ausgesprengt wird (aber auch durch den Duft des Rauches). Gereinigt wird aber nicht der opfernde, sühnende Mensch, sondern der Ort, an den das Blut gesprengt wird. Dabei handelt es sich immer um einen Ort besonderer Heiligkeit. Die Vorstellung dahinter ist wohl, dass die unrechten Taten von Menschen das Heiligtum verschmutzen. Sie sammeln sich dort an, bis Gott das Heiligtum verlässt und der Segen, der ansonsten von diesem Ort kommt, ausbleibt. Je strenger das Volk Israel monotheistisch dachte und glaubte, desto strenger wurde diese Vorstellung auf den einen Ort bezogen, an dem der eine Gott gegenwärtig ist - das Allerheiligste im Tempel. Staubli versteht den Sinn dieser räumlichen Vorstellung so: "Dadurch, dass die von Menschen verursachte Schuld gleichsam auf einen Ort projiziert wird, der durch die Schuld verunreinigt wird, ermöglicht der Kult eine entmoralisierte Behandlung eines moralischen Problems" (S. 140). Und es macht bewusst, dass jede Tat (eine rechte und eine unrechte) sich eben räumlich auswirkt, das Schuld nicht nur etwas innerpsychisches oder innermenschliches ist, auch nicht nur etwas innerhalb einer Beziehung, sondern immer die Umwelt oder Biosphäre mitprägt.
04.04.2011
Der Papst liest Levitikus (2)
Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. liest im zweiten Band seines Jesusbuches (Herder 2011) das Buch Levitikus, konkret das Kapitel 16 über den Versöhnungstag. Das ist angesichts des weitgehenden christlichen Desinteresses an diesem Buch überaus positiv zu vermerken. Aber wie es liest, das treibt mir als christlichem Theologen die Schamesröte ins Gesicht. So schreibt er in seinen Ausführungen über das sogenannte Hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17, "dass dieses Gebet nur auf dem Hintergrund der Liturgie des jüdischen Versöhnungsfestes (Jom ha-Kippurim) zu verstehen ist. Das Ritual des Festes mit seinem reichen theologischen Inhalt wird im Beten Jesu realisiert - "realisiert" im wörtlichen Sinn: Der Ritus wird in die von ihm gemeinte Wirklichkeit übersetzt. Was dort in Riten dargestellt war, geschieht nun real, und es geschieht endgültig" (S. 95).
Zuerst klingt es wie eine Würdigung des alttestamentlichen-jüdischen Festes ("nur auf dem Hintergrund zu verstehen", "reicher theologischer Inhalt"). Dieser wird dann aber gar nicht subtil entwertet. Was dort nur dargestellt wird, wird nun real. Das heisst ja, nach Meinung des Papstes hat das Volk Israel Hunderte von Jahren Versöhnungsrituale nur dargestellt in einer Art grossem Schauspiel, aber nie real Versöhnung erlebt...
Von dieser Haltung meines Kirchen-Oberhauptes distanziere ich mich in aller Entschiedenheit.

