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27.04.2011

Ein theologisches Erdbeben

von Peter Zürn — Letzte Änderung 27.04.2011 15:50
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Warum erzählt das Matthäusevangelium von einem Erdbeben am Ostermorgen? Es handelt sich um kein geologisches, sondern um ein theologisches Erdbeben. Die normale, unausweichliche, vorherrschende Sicht der Wirklichkeit bekommt Risse und bricht zusammen. Dadurch wird aber nicht die heile, sondern die verwundete Welt besser sichtbar.

"Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben" heisst es in der Ostergeschichte des Matthäusevangeliums, die an vielen Orten in der Osternachtfeier gelesen wurde. Warum erzählt Matthäus von einem Erdbeben? Im Markusevangelium steht nichts von einem Erdbeben am Ostermorgen. Der Evangelist Matthäus kannte das Markusevangelium, als er daran ging, seinen Text zu schreiben. Warum fügt er in diese Geschichte ein Erdbeben ein? Noch dazu ein Erdbeben, das er mit Gott und der Auferstehung in Verbindung bringen. Das macht mir in unserer aktuellen Gegenwart besonders zu schaffen. Vor einem Jahr war das grosse Erdbeben in Haiti. Die Atomkatastrophe in Japan wurde von einem Erdbeben und dem anschliessenden Tsunami ausgelöst. Diese Ereignisse brachten und bringen noch für lange Zeit unendliches Leid über Menschen und Tiere. Können wir Matthäus folgen und Erdbeben mit Gott und der Auferstehung in Verbindung bringen? Ich will das Leid der Opfer von Erdbeben nicht klein reden. Auf keinen Fall. Aber wir wissen heute,dass Erdbeben ganz natürliche Ereignisse sind. Die durch die Verschiebung der Kontinentalplatten entstehenden Kräfte übersteigen jedes menschliche Mass. An der Atomkatastrophe in Japan ist nicht das Erdbeben „schuld“. Viel eher unsere menschliche Fehleinschätzung, wir könnten alle Risiken eingehen, weil wir glauben, sie zu beherrschen. Ich glaube nicht, dass der Evangelist Matthäus von einem Erdbeben wie dem in Haiti und in Japan schreibt, einem geologischen Ereignis. Ich glaube, dass das Matthäusevangelium das Bild des Erdbebens gebraucht, um damit etwas auszudrücken,was ihm wichtig ist. Und dass er dieses Bild aus anderen Bibeltexten übernimmt. Matthäus ist ein Schriftgelehrter. Er kennt seine Heilige Schrift, die Bibel. Die Bibel des Matthäus, das ist die jüdische Bibel, also in etwa unser Altes Testament. In seiner Bibel liest Matthäus zum Beispiel im Buch des Propheten Ezechiel. Dort ist die Rede von einem fremden König, der das Volk Israel beherrscht: Gog, der König von Magog. Gog von Magog ist keine historische Figur. Er steht für jede Macht zu allen Zeiten, die Menschen unterdrückt und ums Leben bringt. Der Prophet Ezechiel hat eine Vision von dem Tag, an dem sich das Volk Israel gegen die Herrschaft von Gog erheben wird – mit Gottes Hilfe. Da heisst es: „An jenem Tag wird es im ganzen Land Israel ein gewaltiges Erdbeben geben… es bersten die Berge, die Felswände stürzen ein, und alle Mauern fallen zu Boden“ (38,20). Von einem solchen Erdbeben erzählt das Matthäusevangelium. Es handelt sich nicht um ein geologisches, sondern um ein theologisches Erdbeben. Was bedeutet das? Das Volk Israel ist ein kleines, politisch, wirtschaftlich und militärisch wenig bedeutendes Volk, oftmals nur ein Spielball in der Hand der Grossmächte. Seine Geschichte ist die Geschichte von kleinen Leuten, die meistens den Preis für die Politik der Mächtigen der Welt zahlen müssen. Normalerweise hätte dieses Volk nicht überlebt. Nach der herrschenden Logik hätte dieses Volk irgendwann verschwinden müssen: erobert, zerstört, versklavt. Das Schicksal der kleinen Leute in der Welt der Mächtigen ist normalerweise der Tod. Die einzige Chance zu überleben ist normalerweise: selber mächtig zu werden. Mächtiger als die anderen, stärker, noch rücksichtsloser, brutaler und gewaltsamer nach innen und nach aussen. Die einzige Chance zu überleben ist: selbst zu einer Todesmacht zu werden. Das ist die ganz normale Geschichte. Die Bibel erzählt aber andere Geschichten,unnormale Geschichten. Geschichten gegen die herrschende Logik. Geschichten gegen den ganz normalen Sieg der Gewalt und des Todes. Auferstehungsgeschichten,in denen das, was als normal und unausweichlich gilt, Risse bekommt und einstürzt. Wie bei einem Erdbeben. Aber auch ein theologisches Erdbeben ist und bleibt ein erschütterndes Beben. Bei einem theologischen Erdbeben wird das erschüttert, durcheinandergewirbelt und zerbrochen, was bisher als ganz normal und unausweichlich galt. Das, was immer schon so war und immer so bleiben wird: in meinem Umgang mit mir selbst, in meinen Beziehungen, in unserer Gesellschaft, in unserer Welt. Ein theologisches Erdbeben sagt: Es kann alles ganz anders werden. Gott ist ganz anders als die herrschende Normalität. Ein Erdbeben ist kein schlechtes Bild für das Wirken Gottes, weil Veränderungen Angst machen. Die Herrschenden, weil sie etwas zu verlieren haben . Aber auch die kleinen Leute haben oft Angst vor der Veränderung. Sie – wir - haben uns so an das halbe Leben, an die begrenzten Möglichkeiten, an die unausweichlichen Sachzwänge gewöhnt, dass sie uns lieber sind als eine Andere, aber ungewisse Zukunft. Deswegen verlassen die Frauen am Ostermorgen das Grab voll grosser Freude, aber auch voller Furcht. Das übernimmt Matthäus aus dem Markusevangelium, wo es am Schluss von den Frauen heisst: Furcht und Entsetzen hatte sie gepackt. Warum erschrecken die Frauen so sehr? Warum erschrecken sie angesichts des Wunders der Auferstehung? Gott hat den gekreuzigten Jesus von den Toten auferweckt. Aber was ist mit all den anderen Gekreuzigten und Toten? Die gab es damals und gibt es bis heute. Solange das was an Schrecklichem geschieht, als ganz normal gilt, ist es vielleicht leichter zu ertragen. Wenn aber der Schein des Unvermeidlichen zerreisst – auch nur in wenigen Fällen - wenn es vorstellbar wird, dass es ganz anders sein kann, dann wird es entsetzlich, dass trotz allem das Allermeiste so bleibt, wie es ist. Kann das der Grund für den Schrecken angesichts der Auferstehung sein? Jesus ist auferstanden. Gott hat sich als Gott des Lebens gezeigt. Aber warum bleibt so viel Leid, Gewalt und Tod? Dass die Welt ist, wie sie ist, ist schrecklicher, wenn wir tatsächlich daran glauben, dass sie auch ganz anders sein kann. Dass es Wunder gibt.
Vielleicht sollten wir das Wort Wunder als Steigerungs-form von wund betrachten. Die Welt ist wund. Das Wunder der Auferstehung macht das Wunde der Welt noch deutlicher erfahrbar. Auszug aus der Predigt in der Ostermorgenfeier in St. Stephan Therwil am 24.4.2011

13.04.2011

Lektüre von Levitikus 8-9

von Peter Zürn — Letzte Änderung 13.04.2011 14:20
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Zurück zur fortlaufenden Lektüre des Buches Levitikus. Ich war in den Kapiteln 8-9 stehen geblieben, wo ein Gottesdienst im Heiligtum beschrieben wird, in dessen Rahmen Priester eingesetzt werden. Gerstenberger vergleicht in seinem Levitikuskommentar diesen Text mit anderen Beschreibungen von Gottesdiensten im Heiligtum/Tempel und zwar mit der Einweihung des Tempels in 1 Kön 8 und mit dem Gottesdienst nach der Einführung der Bundeslade in den Tempel zur Zeit Davids, dargestellt in den Chronikbüchern (1 Chr 15-16). In 1 Kön stehen Gebete im Vordergrund, dDie Chronik betont v.a. den Anteil von Musik und Tanz am Gottesdienst, in Levitikus stehen die Priester und ihr Handeln im Vordergrund. Gestenberger geht davon aus, dass all diese Texte nicht erzählen, was geschehen ist, sondern Modellbeispiele für ein bestimmtes Gottesdienstverständnis in den Diskurs einbringen. Dabei sind sie jeweils einseitig und parteiisch, um ihre jeweiligen Interessen einzubringen bzw. durchzusetzen. "Hinter der Darstellung von 1 Kön stehen vermutlich die Kreise, denen die Gebetsgottesdienste der exilischen Zeit anvertraut waren. Die chronistische Glorifizierung des Psalmengesangs geht mit ziemlicher Sicherheit auf die levitischen Sängerfamilien zurück. Jede Interessengruppe projiziert ihre Erwartungen in die ferne, gegenwärtige Gottesdienstformen begründende Vergangenheit ... Wer Ansprüche erhebt, schreibt keine Gesamtdarstellungen, sondern beschränlt sich auf das für ihn Wesentliche. Folglich werden wir es in Lev 8-9 mit dem Anspruch von Priestern auf ihr spezifisches Arbeitsgebiet und ihre besondere Berufswürde zu tun haben" (S. 95f.).
Es gibt also nicht DEN biblischen Gottesdienst, sondern ein dynamisches Ringen um die Gestaltung des Gottesdienstes zwischen verschiedenen Verantwortlichen. Ein Modell für heute!

07.04.2011

Lektüre von Levitikus 16 (2)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 07.04.2011 13:32
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Thomas Staubli unterscheidet in seinem Kommentar zu den Büchern Levitikus und Numeri zwei Konzepte von Versöhnung, die sich in den biblischen Texten, insbesondere in Lev 16, finden und zwar ein Konzept der Deeskalation und ein Konzept der Reinigung eines Raumes.

1. Das biblische Konzept der Deeskalation geht von der Erfahrung aus, dass die Gefahr gross ist, dass Unrecht weiteres Unrecht nach sich zieht. Sei es, dass jemand, die/der Gewalt erlebt, selbst zum Gewalttäter wird oder dass eine Gewalttat, gegen die nichts unternommen wird, das ganze Umfeld (das soziale System) prägt und vergiftet, so dass sich die gewalttätigen Wirkungen immer mehr anhäufen. Was die Bibel Sühne nennt, ist eine Form der Intervention gegen die Gefahr der Eskalation. Die schuldige Partei versucht wenigstens teilweise Wiedergutmachung zu leisten und appelliert dadurch "an die hochherzige Kompromissbereitschaft der geschädigten Partei und an ihre Einsicht, dass der angebotene Begütigungspreis für sie vorteilhafter ist als ein Schlagabtausch" (Staubli S. 138). Das ist der Hintergrund des leider so oft missverstandenen Grundsatzes "Auge um Auge, Zahn um Zahn", der auf eine (materielle) Entschädigung im Verhältnis zum entstandenen Schaden abzielt. Es geht letztlich um einen Vergleich im Guten. So weit als möglich ist dieser Vergleich zwischen den beteiligten Menschen zu leisten. Es gibt aber Fälle, in denen auch Gott (oder nur noch Gott) als Adressat von Sühneleistungen in Frage kommt. Dann wird Gott im Kult etwas angeboten, das den Schuldigen etwas kostet und das für Gott ein versöhnliches Geschenk darstellt. Dabei braucht es neben dem reinen Vollzug dieser Übergabe auch das Geständnis und die Reue des Menschen sowie seine Bereitschaft zu allen Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Wiedergutmachung. Sie kann nicht durch ein kultisches Opfer ersetzt, sondern nur dadurch ergänzt werden. Wird ein Tier geopfert, dann muss der opfernde Mensch seine Hände auf dieses Tier stemmen um zu zeigen, dass es ihm gehört. Dadurch wird das Tier nicht stellvertretend für den Schuldigen geopfert, die Schuld wird nicht auf Unschuldige abgewälzt. aber die eigentlich anstehende harte Strafe wird durch einen leichteren Preis ersetzt, der einen Verlust für den Schuldigen darstellt - das Blut des Opfertieres (sein Leben) reinigt nicht stellvertretend den opfernden Menschen, sondern der Opfernde verliert das Leben des Tieres, das ihm bisher zu seinem Nutzen zur Verfügung stand. Dieses Angebot, zur Wiedergutmachung des entstandenen Schadens etwas vom eigenen Vermögen herzugeben, bringt Gott dazu, in den Kompromiss einzustimmen, der beiden Seiten das Weiterleben ermöglicht und weitere Gewalt verhindert.


2. Das Konzeptdes Reinigens eines Raumes geht von der Wortbedeutung des hebräischen Ausdrucks für "sühnen", kipper, aus. Es bedeutet bedecken oder wegwischen. Insbesondere der Ausdruck "wegwischen" verweist auf den Reinigungsvorgang, den man sich bei einer Sühne vorstellt. Gereinigt wird v.a. durch das Blut des Opfertieres, das ausgesprengt wird (aber auch durch den Duft des Rauches). Gereinigt wird aber nicht der opfernde, sühnende Mensch, sondern der Ort, an den das Blut gesprengt wird. Dabei handelt es sich immer um einen Ort besonderer Heiligkeit. Die Vorstellung dahinter ist wohl, dass die unrechten Taten von Menschen das Heiligtum verschmutzen. Sie sammeln sich dort an, bis Gott das Heiligtum verlässt und der Segen, der ansonsten von diesem Ort kommt, ausbleibt. Je strenger das Volk Israel monotheistisch dachte und glaubte, desto strenger wurde diese Vorstellung auf den einen Ort bezogen, an dem der eine Gott gegenwärtig ist - das Allerheiligste im Tempel. Staubli versteht den Sinn dieser räumlichen Vorstellung so: "Dadurch, dass die von Menschen verursachte Schuld gleichsam auf einen Ort projiziert wird, der durch die Schuld verunreinigt wird, ermöglicht der Kult eine entmoralisierte Behandlung eines moralischen Problems" (S. 140). Und es macht bewusst, dass jede Tat (eine rechte und eine unrechte) sich eben räumlich auswirkt, das Schuld nicht nur etwas innerpsychisches oder innermenschliches ist, auch nicht nur etwas innerhalb einer Beziehung, sondern immer die Umwelt oder Biosphäre mitprägt.

04.04.2011

Der Papst liest Levitikus (2)

von Peter Zürn — Letzte Änderung 04.04.2011 15:35
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Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. liest im zweiten Band seines Jesusbuches (Herder 2011) das Buch Levitikus, konkret das Kapitel 16 über den Versöhnungstag. Das ist angesichts des weitgehenden christlichen Desinteresses an diesem Buch überaus positiv zu vermerken. Aber wie es liest, das treibt mir als christlichem Theologen die Schamesröte ins Gesicht. So schreibt er in seinen Ausführungen über das sogenannte Hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17, "dass dieses Gebet nur auf dem Hintergrund der Liturgie des jüdischen Versöhnungsfestes (Jom ha-Kippurim) zu verstehen ist. Das Ritual des Festes mit seinem reichen theologischen Inhalt wird im Beten Jesu realisiert - "realisiert" im wörtlichen Sinn: Der Ritus wird in die von ihm gemeinte Wirklichkeit übersetzt. Was dort in Riten dargestellt war, geschieht nun real, und es geschieht endgültig" (S. 95).
Zuerst klingt es wie eine Würdigung des alttestamentlichen-jüdischen Festes ("nur auf dem Hintergrund zu verstehen", "reicher theologischer Inhalt"). Dieser wird dann aber gar nicht subtil entwertet. Was dort nur dargestellt wird, wird nun real. Das heisst ja, nach Meinung des Papstes hat das Volk Israel Hunderte von Jahren Versöhnungsrituale nur dargestellt in einer Art grossem Schauspiel, aber nie real Versöhnung erlebt...
Von dieser Haltung meines Kirchen-Oberhauptes distanziere ich mich in aller Entschiedenheit.

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Peter Zürn

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