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Jesus bekämpft die Migros

von Peter Zürn — Letzte Änderung 30.01.2012 16:25

Zuerst wollte ich mich nur lustig machen über die Freikirchen. Dann wurde mir klar, dass es hier durchaus um etwas Ernstes geht - um unser Wirtschaftssystem allgemein. Und dann merkte ich, dass es um etas geht, was mir sehr viel bedeutet: Bibliodrama.

Der Tagesanzeiger von heute berichtet über Gläubige aus Freikirchen, die gegen die neue Migros-Sammelaktion für Kinder (Animanca) Sturm laufen. Wortführer ist dabei Jesus.ch.
Ein Argument: Die zu sammelnden Steine mit Tiersymbolen würden Kindern vorgaukeln, "Glück und Kraft hingen von Gegenständen" ab. Da werden sich ab morgen aber die Werbeabteilungen von Mercedes Benz, Apple und Nespresso warm anziehen müssen, wenn Jesus erst entdeckt, dass die das sogar bei Erwachsenen versuchen! Komisch, dass ihm das bisher nicht aufgefallen ist.

Ironie beiseite. Auf den Punkt gebracht wird der Aberglaube, unser Glück hinge von Gegenständen ab, im zentralen Glaubenssatz unseres Wirtschaftssystems, wonach das Glück unserer Gesellschaft vom Wirtschaftswachstum abhängt, also davon immer mehr Gegenstände zu produzieren und zu verkaufen. Dagegen lohnt es sich Sturm zu laufen. Die Migros-Aktion ist ein Teil davon, klar. Aber gegen Animanca zu sein und das System als Ganzes nicht zu thematisieren, das wirkt halt schon lächerlich.

Ausserdem: Mir gefällt, was der Psychotherapeut Robert Hain im Tagi über die Funktion von Rollenspielen für die Entwicklung von Kindern sagt. Kinder versetzen sich in die Rolle von Tieren. Ob mit oder ohne Migros-Steine. Das gilt meiner Meinung nach auch für Erwachsene, etwa im Spiel mit religiösen / biblischen Rollen. Ich mache beim Spielen mit meinem Sohn und beim Spielen von Bibliodrama jedenfalls sehr gute Erfahrungen. Auch damit, dass Menschen im Spiel mit den Rollen mehr Freiraum gewinnen - der Rolle gegenüber und ihrem eigenen Verhalten gegenüber. Das scheint mir bei denen, die auf Jesus.ch die Jesusrolle spielen, nicht so zu sein. Das könnte daran liegen, dass sie bei ihrem Bibliodrama-Spiel auf zu wenig Spielvarianten treffen, also zu selten auf Menschen, die die Jesusrolle ganz anders spielen. Aber ich weiss nicht, ob das stimmt. Herausfinden könnten  wir das wohl nur, wenn wir mehr miteinander Bibliodrama spielen würden.
Wie wär's?



Artikelaktionen

Glück hängt von Gegenständen ab...

Kommentar von Thomas Markus Meier am 01.02.2012 15:47
ein Film, ein Märchen, was immer auch, vielleicht ein Buchtitel: Das Glück komme mit zwei langen Ohren - angehoppelt. Seit kurzem im coop als Schoggihasen, die Ostern 2012 einläuten. Der helle Wahn! In der Tat eine Betriebsblindheit, auf einen (von zig andern) Werbetricks sich einzuschiessen... entsprechend die Reaktionen der "Userschaft" in 20Minuten und so. Wie wärs mit echter Kritik? Alternative Wirtschaftsformen...
Im 94gi veröffentlicht: "Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft - Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie" von Ulrich Duchrow. Vieles wurde dort angedacht, oder vor manchem gewarnt, was wir heute erleben. Nur eben: Mein GRossvater pflegte Daumen und Zeigefinger zu reiben (als Zeichen fürs Münz, fürs Geld) und zu sagen: "Wo du nicht bischt, Herr Jesus Chrischt, ist lauter Lumperei".
Nein, sie wollen sich nicht lumpen lassen, die Migros's, Coop's, Walmart's dieser Welt: Meine Religion ist, was Kasse macht. Und wenn dann die Frommen sich auf Nebensächlichkeiten einschiessen, kommt eine andre Handhaltung zu Geltung: Sich ins Fäustchen lachen...

Übrigens: ich freu mich dann aufs Austesten des Bibelspiels an unserer nächsten biblioblog-Tagung. Vielleicht samt Bibliodrama.
 

Immer diese Moralisiererei!

Kommentar von Dieter Bauer am 02.02.2012 23:17
Lamentieren ist mir zu einfach. Abgesehen davon, dass ich oft genug genau da mitmache, wo es zu kritisieren gälte. Ich gehöre doch zum ganzen System dazu, und zwar nicht immer ungewollt, sondern oft genug nur zu gern.
Warum ist es so schwer, solche Dinge humor- und liebevoll anzugehen. Und ich meine jetzt nicht nur jesus.ch, sondern mich genau so. Um schmunzeln zu können genügt doch oft einafch nur in den Spiegel zu schauen: Was, das soll ich sein?
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