Genesis
27.12.2012
Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajechi - und er lebte (Gen 47,28-50,26)
Die letzten Verse des Buches Genesis - rote Fäden werden aufgenommen. Geschichten werden verbunden, aus Kreuzungen entstehen neue Möglichkeiten
Die letzten Verse des Buches Genesis (Nebenbemerkung: Zum letzten Vers des Buches, und von da an zu jedem letzten Vers jedes biblischen Buches gab und gibt es einen Bibliolog auf Facebook. Wer mitmachen will, befreunde sich mit Maria von Magdala). In ihnen wird ein Themas aufgenommen, das sich durchs ganze Buch zieht: die Beziehung unter Geschwistern, v.a. das Verhältnis erst- und zweitgeborener Brüder zueinander. In Gen 48 werden Ephraim und Manasse, die beiden Söhne Josephs und seiner ägyptischen Frau Asnat, von ihrem Grossvater Jakob gesegnet. Joseph, der um die Problematik in der Familiengeschichte weiss, achtet darauf, dass der Erstgeborene, Manasse, rechts von Jakob zu stehen kommt. Jakob aber überkreuzt die Arme und segnet so den Zweitgeborenen mit der Rechten. Joseph versucht zu korrigieren, aber Jakob sagt, er wisse, was er tue... Setzt sich hier die verhängnisvolle Beziehung zwischen bevorzugten und benachteiligten Brüdern und vor allem mit der Nichterwählung des Erstgeborenen fort, die mit Abel und Kain beginnt und in Isaak und Ismael, Jakob und Esau und Joseph und seinen Brüdern dramatische Höhe- und Tiefpunkte erreicht (und danach munter weitergeht mit Mose und David und den Brüdern im Gleichnis vom barmherzigen Vater ... in Klaas Huizings Jesus-Roman gibt es eine Szene, in der der Erstgeborene Jesus sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht an den Zweitgeborgenen Jakob verkauft)?
Der Segen Jakobs für Manasse und Ephraim wurde im Judentum zu dem Vorbild für das Segnen der Kinder am Freitagabend zu Beginn des Sabbats. Warum? Michael Goldberger nimmt Jakobs Worte aus Gen 48 ernst, der angesichts seiner überkreuzten Hände beim Segen sagt, er wisse genau, was er tue. Beide Kinder sollen ihren spezifischen Segen erhalten, beide werden ihren spezifischen Lebensweg gehen, wobei der Jünger den Älteren an spiritueller Kraft übertrumpfen werde. Jakob setzt also nicht einfach das Verhängnis fort. Diesmal weiss er, was er tut. Ephraim und seine Nachkommen würden Gelehrte und spirituelle Führer hervorbringen, wie Josua und von Manasse würden Richter abstammen wie Gideon. Und das Volk Israel würde beides brauchen, spirituelle und politische Führungspersönlichkeiten. Jakobs überkreuzter Segen ist nicht einfach scheinbar wahllose Bevorzugung und Benachteiligung. Es hat sich für ihn etwas geklärt: Es geht darum, spezifische Begabungen und Fähigkeiten zu fördern und miteinander zu verbinden. Jakob "kreuzt" gleichsam Vorhandenes, um Neues zu "züchten". Der/Die/Das Eine soll mithilfe des Anderen gestärkt werden. Goldberger fragt: "Wäre das auch bei Isaak und Ismael oder bei Jakob und Esau möglich gewesen? Wie auch immer..." (144).
Mithilfe des Anderen stärken... Das erinnert an die Schöpfungserzählung in Gen 2, wo Gott dem Menschen ein Gegenüber als Hilfe erschafft... Ein weiterer roter Faden durch die Genesis.
16.12.2012
Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajigasch - und er trat heran (Gen 44,18-47,27)
Ein merkwürdiger Vers und seine Deutung von Raschi bis Paulus
In Gen 45,4 gibt sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen - ein dramatisches Happy-End nach 22 Jahren. Aber es ist keineswegs das Ende der Geschichte. Joseph schickt seine Brüder nach Kanaan zurück, um Jakob zu holen, damit die ganze wiedervereinte Familie in Ägypten leben kann. Vor der Abreise gibt er ihnen den Rat: "Streitet nicht unterwegs" (Gen 45,24). Michael Goldberger schreibt dazu: "Auf den ersten Blick ergibt diese Anweisung keinen Sinn. Nie ging es den Brüdern besser als jetzt. Ihre Schandtat wurde verziehen und sie standen unmittelbar vor einer verheissungsvollen Zukunft im krisensicheren Ägypten. Warum in aller Welt sollten sie ausgerechnet jetzt unterwegs streiten?" (134)
Diese Frage hat auch schon - so Goldberger - den mittelalterlichen jüdischen Bibelausleger Raschi beschäftigt. Raschi deutet den Vers so: Joseph befürchtet, dass seine Brüder sich unterwegs die Schuld für ihren früheren Verrat gegenseitig in die Schuhe schieben würden. Joseph kannt die psychologischen Mechanismen von Schuldgefühl, Leugnung und Verdrängung. Und er kannte die Tora. Er erinnerte sich an Adam, der die Schuld an Eva und an Eva, die die Schuld an die Schlange abschieben wollten (Gen 3,12f.). Seitdem wird in der Menschheitsgeschichte kein Satz öfter beschworen als der: "Ich war's nicht, es war ..." Joseph will diesen "normalen" Lauf der Dinge unterbrechen, er will die Frage danach, wie es wirklich war, im Keim ersticken oder zudecken und sich lieber dem Leben nach der Versöhnung zuwenden. Das hebräische Wort für Versöhnung, kpr, das zum Beispiel in Jom Kippur, dem Versöhnungstag auftaucht, heisst abdichten/verdecken. Und es kommt auch beim Bau der Arche vor und bei der Bundeslade, die zum Schutz der Bundestafeln mit den 10 Geboten mit einer Deckplatte, hebr. kaporet, versehen ist. Das Verdecken dient dem zukünftigen Leben. Paulus gebraucht im Brief an die Gemeinde in Rom das Wort kaporet mit Blick auf das versöhnende Handeln Gottes in Christus (3,25): ein öffentliches Versöhnungszeichen, das den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen soll. Das die Aufmerksamkeit von der Frage, was war, ablenken soll auf die Frage, was möglich ist.
08.12.2012
Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Mikez - Am Ende (Gen 41,1-44,17).
Wie werden Menschen zu Gerechten wie die beiden Josephs der Bibel?
Von Joseph ist in dieser Wochenlesung die Rede. Von keiner anderen Figur erfahren wir im Alten Testament so viel wie von ihm. Vor und an Weihnachten hören wir vom Josef des Neuen Testamentes. Über den Namen sind die beiden miteinander verbunden. Der Name des Joseph aus Genesis wird von einem Wunsch Rahels abgeleitet: "Möge Gott mir einen weiteren Sohn hinzufügen" (Gen 30,24). "Hinzufügen" heisst auf Hebräisch "Joseph". Goldberger stellt von daher die Frage: "Ist nicht bereits in diesem Namen die Hoffnung verborgen, Joseph möge sich wandeln?" (126). Und er wandelt sich ja auch: vom verwöhnten Snob zum Gerechten. Im Judentum gilt er als der Gerechte schlechthin. "In jeder Situation wurde er von Kräften hin- und hergerissen, die sich widersprechen. Stets musste er wählen, kämpfen und siegen. Ich meine, dass gerade hierin das Geheimnis um Joseph, dem Gerechten verborgen ist: Joseph kam nicht als Gerechter zur Welt, er wurde es. Und selbst als Gerechter musste er stets von Neuem an sich arbeiten, damit er es blieb" (126).
Auch der
neutestamentliche Josef gilt als gerecht (Mt 1,19). In der Situation, in
der er sich befand, war er hin- und hergerissen zwischen Kräften, die
sich widersprechen. Er musste wählen, nachdenken und erwägen, träumen,
um sich zu entscheiden. Er entwickelte sich wie das Kind in Marias Leib
und wurde zum Gerechten.
Der Wochenabschnitt Mikez wird immer
während Chanukka gelesen. Goldberger schreibt: "In einem gewissen Sinn
stehen Antiochus und die Hellenisten mit ihrer Vergötterung des Schönen
für die schlechten Eigenschaften des jungen Joseph. An Chanukka feiern
wir die Überwindung des Götzendienstes, indem wir jeden Tag ein weiteres
Licht anzünden. In kleinen Schritten verdrängen wir die Finsternis und
entwickeln uns allmählich zu Gerechten" (126).
02.12.2012
Gedanken zur jüdischen Wochenlesung: Wajeschew (Gen 37,1-40,23)
Religion: unterbrechen und warten
Von heute an möchte ich jede Woche die Paraschot verfolgen, die Wochenlesungen aus der Tora. Nicht im Überblick, schliesslich geht es um ziemlich viel Text, sondern im genauen Blick auf ein Detail, ein Wort, einen Satz, ein Motiv, einen Gedanken. Helfen dabei soll mir das neu erschienene Buch von Michael Goldberger, Schwarzes Feuer auf weissem Feuer. Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte (Tachles und Friedrich Reinhardt Verlag Basel 2012). Darin finden sich Goldbergers Betrachtungen zu den Wochenabschnitten aus der jüdischen Rundschau und dem Tachles.
In dieser Woche wird die Parascha Wajeschew, Gen 37,1-40,23, gelesen und Goldberger blickt auf einen Vers: Angesichts der Träume seines Sohnes Josef, die Unruhe in der Familie auslösen, heisst es über Jakob: "er wartete auf das , was kommen würde" (Gen 37,11). Das hebräische Wort an dieser Stelle ist "lischmor". Im Judentum gibt es eine Kultur des Unterbrechens der "normalen" Abläufe und des Wartens. "Warten bedeutet, Dinge zuzulasssen, ihnen Zeit zu lassen, zu reifen" (Goldberger 115). Der Schabbat ist der wichtigste Raum dafür. "Wir holen tief Luft, lassen die Dinge ruhen, um sie dann in neuem Licht sehen zu können. Plötzlich erkennen wir zarte Bewegungen der Seele, die in der Hast und der Ungeduld des Alltags übersehen wurden" (ebd.).
Johann Baptist Metz hat als kürzeste Definition von Religion genannt: "Religion ist Unterbrechung". Das wird hier weitergeführt und ergänzt: Religion ist Unterbrechung und Warten: innehalten, erwartungsvoll Herz und Augen öffnen, nachsinnen, vorbereiten. Warten hat auch etwas mit der Arbeit des Abwarts zu tun, mit dem Warten der Geräte für die Zeit, in der sie gebraucht werden. Das sind wesentliche adventliche Haltungen.
12.05.2012
Weite Räume eröffnen
Literatur von Klaus Merz in biblischer Tradition - verschüttete Brunnen der Tradition wieder ausgraben
Ich lese in Peter von Matts Buch zur Literatur und Politik der Schweiz (Das Kalb vor der Gotthardpost, München 2012) über "Klaus Merz und die weiten Räume" (S. 331-335):
"So begegnen wir denn im Werk von Klaus Merz immer beidem, dem Stück Schrift da vor uns auf dem Papier und dem weiten Raum, den es eröffnet. Das eine ist vielleicht nur handgross, das andere reicht bis zum fernen Horizont."
Selbstverständlich denke ich an die Bibel, bei deren Schriften es mir vergleichbar geht. Aber noch konkreter denke ich an die Tätigkeit des Isaak in der Bibel, auf die Peter Pitzele in seinem Buch "Die Brunnen der Väter" hingewiesen hat. Isaak gräbt die Brunnen seines Vaters Abraham aus, die im Lauf der Zeit verschüttet wurden. Pitzele deutet das so, dass Isaak den Zugang zu den verschütteten, aber immer noch lebendigen und lebensschaffenden Traditionen wieder eröffnet (Zugänge zum Vater wieder zu öffnen, ist im Übrigen auch die Tätigkeit Jesu). Isaaks Brunnengraberei sorgt für Streit und Zank. In einem Fall aber nicht und deswegen nennt Isaak diesen Brunnen Rehovot, "Weite" und sagt: "Hier hat uns Adonai weiten Raum verschafft, so dass wir fruchtbar sein können im Land" (Gen 26,22). Am Brunnen Rehovot weht Merzenluft...
01.06.2011
Kain und Levitikus
Hätte Kain doch Levitikus gelesen... Oder ist Levitikus 4-5 eine Botschaft für Kain?
Die Opferregeln im Buch Levitikus dienen der Bewältigung von Verunsicherung in der Gottesbeziehung, die Regelungen in Lev 4-5 entfernen sogar ausdrücklich Verunsicherungen, die ohne Absicht entstanden sind und trotzdem da sind und wirken. Sie sind eine Form der Psychohygiene und haben eine therapeutische Funktion. Sie machen die Entfernung alles
Damit steht das Buch Levitikus im Gespräch mit der Geschichte von Kain und Gott in Gen 4. Dort spricht Gott zu Kain, der in seiner Beziehung zu Gott überaus verunsichert ist und dessen Blick sich senkt - tragischer oder ironischerweise gerade durch ein Opfer - und sagt ihm: "Wenn du recht tust, darfst du aufblicken". Diese Botschaft kommt bei Kain nicht an. Lev 4-5 ist eine neue Botschaft und ein neues Angebot für Kain, sinnenfälliger diesmal.
12.02.2011
Die Opferung Abrahams
Innert Kürze entführen zwei Väter in der Schweiz ihre Kinder. In einem Fall steht zu befürchten, dass er sie umgebracht hat. Abraham macht sich mit seinem Sohn auf den Weg, um ihn zu opfern. Eine erschreckende Parallelität. Und eine Geschichte, die einen anderen Ausgang erzählt.
Innerhalb kurzer Zeit haben in der Schweiz zwei Väter ihre eigenen Kinder entführt und ins Ausland gebracht, einer hat seine beiden Töchter vermutlich sogar umgebracht. Hintergrund war jeweils eine Beziehungskrise.
Die Bibel erzählt in Genesis 22 die Geschichte des Vaters Abraham, der seinen eigenen Sohn mitnimmt, um ihn am Ende einer Reise umzubringen - als Opfer für seinen Gott, der genau das von ihm fordert. Harald Schweizer deutet die biblische Geschichte nach intensiver und ganz genauer Textlektüre auf eine Weise, in der die biblische Geschichte das aktuelle Geschehen erschreckend genau erhellt und gleichzeitig Interventions- und Veränderungsmöglichkeiten aufzeigt (Harald Schweizer, Fantastische "Opferung Isaaks". Textanalyse in Theorie und Praxis, Pabst Verlag Lengerich 2006).
Genesis 22 ist keine historische Erzählung, sondern eine Beschreibung innerer Prozesse in Menschen. Die einzelnen Figuren im Text stehen für innere Anteile einer einzelnen Person. Am Anfang der Geschichte steht ein Mann, der keinen Zugang zu seinen eigenen Gefühlen hat, der nicht mit anderen kommuniziert und nicht in Beziehung mit ihnen geht. Aus dieser leblosen Lage sieht er nur einen Ausweg, den eine Stimme ihm eingibt, der er die höchste Wertigkeit (Gott und im Hebräischen mit Artikel "der Gott", nicht mein Gott, das wäre ja eine Beziehung, sondern abstrakter) zuspricht: diesem höchsten, abstrakten Wert etwas opfern, nein, mehr als etwas: alles, die eigene lebendige Zukunft. Die Zukunft ist nur noch als Destruktion zu höheren Zwecken denkbar.
Dieser Mann, Abraham, macht sich auf, seinen Sohn zu opfern. Ein Psychologe, der zu den beiden aktuellen Fällen der Väter befragt wurde, die ihre Kinder entführten, sagte, dass diese Männer ihre Kinder wohl nur als Verlängerung ihres eigenen Ichs betrachten, nicht als eigenständige Persönlicheiten. So gesehen verschwimmt die Grenze zwischen dem Sohn als literarischem Ausdruck eines innerpsychischen Anteils des Vaters und dem Sohn als eigenständigem Menschen.
Jedenfalls. Abraham macht sich daran, seinen Sohn zu opfern und zwar emotionslos, gradlinig und effektiv. Ist der Entscheid einmal gefallen, kann der Mann seine Stärken voll entfalten.
So weit, so schlecht und so weit, so genau realisiert von den beiden erwähnten Vätern (und von vielen anderen Männern, die zu Gewalttätern werden gegenüber Menschen aus ihrem nächsten Umfeld).
Die biblische Geschichte endet aber nicht mit einem Mord - wenn auch nicht viel fehlt. Warum nicht? Was geschieht, damit der Mann von seiner Destruktivität abkommt? Etliche Kleinigkeiten, die zusammen ausreichen. Sie haben mit Kommuniation und Beziehung zu tun.
In Gen 22,5 verändert sich Abrahams Rede: aus "der Knabe und ich" wird "wir".
Abraham verwickelt sich im Gespräch mit anderen in Widersprüche: in Vers 2 soll er "opfern", in Vers 5 wollen sie "anbeten". Verwickelt er sich in Widersprüche oder macht seine Sprache seine inneren Widersprüche sichtbar?
In Vers 7 spricht sein Sohn Isaak, ihn explizit als "mein Vater" an und zwingt ihn beinahe dazu zu antworten. "Ja, mein Sohn". Ausserdem benennt Isaak ganz konkret die Gegenstände, die sie dabei haben: "Siehe: das Feuer und das Holz". Über diese realen Gegenstände können sie sich verständigen und auf dieser Verständigung baut die Frage auf: "aber wo ist das Tier zum Opfer?"
Daraufhin sagt Abraham: "Gott wird sich ein Tier ... ersehen". Man kann diesen Satz so verstehen, dass Abraham damit die Verantwortung für sein tun abgibt, man kann ihn aber auch so verstehen, dass er die Verantwortung damit an die Stelle gibt, wo sie wirklich hingehört und damit entsteht um ihn ein Raum der Freiheit, sich dazu zu verhalten.
In Vers 10 - dem Moment der höchsten Dramatik - ist die Rede vom "schlachten" des Sohnes. Nicht mehr vom opfern. Jetzt ist jede Verschleierung und jede Rationalisierung gefallen. Es liegt jetzt klar vor Augen, um was es eigentlich geht.
Da greift ein Engel ein. Er kommt nicht aus heiterem Himmel. Sein Eingreifen hat sich in all diesen Veränderungen rund um Abraham abgezeichnet und angebahnt. Es ist auch nicht der Engel DES Gottes vom Anfang. Es ist der Engel JHWHs. Und das Tetragramm JHWH das drückt eine Beziehung aus: Es ist der geheimnisvolle Namen Gottes in Beziehung ("Ich bin da").
Abraham hat angefangen in Beziehung zu gehen -zu sich und zu "anderen". Bruchstückhaft, mit kleinen Schritten, aber immerhin. Das setzte bei konkreten Dingen an und entwickelte sich weiter. Ein innerer Prozess ist entstanden. Dieser innere Prozess wird im Text gewürdigt. Der Engel spricht: "Nun weiss ich, dass du ein Gott-Fürchtender bist" (Vers 12). Kein emotionslos Gehorchender, sondern einer, der über Gefühle mit Gott in Beziehung steht und um diese Beziehung und um andere Beziehungen ringt.
Jetzt schaut Abraham auf (Vers 13) und sieht einen Widder, der sich im Gebüsch verfangen hat. Er sieht sich selbst, wie er sich verfangen hat im Gebüsch seiner Gefühls- und Beziehungslosigkeit, seinem blinden Gehorsam abstrakten, destruktiven Werten gegenüber.
Dieser Widder wird geopfert. Es wird etwas/jemand geopfert in dieser Geschichte. Es geht aber nicht um die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer. Geopfert wird der Abraham vom Anfang der Geschichte. Damit ein neuer Abraham leben kann. Ein Abraham, der seine lebendigen, zuunftsträchtigen Seiten in sich integriert hat. Im Text tragen diese Seiten den Namen Isaak. Entsprechend kann dann Isaak aus der Geschichte verschwinden. Er ist im neuen Abraham integriert, der allein zurückkehrt und sofort in Beziehung zu seinen Knechten geht. "sie zogen zusammen nach Berscheba".
Jetzt hat der Ort, an dem Abraham lebt, einen Namen. Am Anfang des Textes hing er völlig in der Luft - auch ohne Beziehung zu dem Ort, an dem er lebte. Jetzt setzt er seine Erfahrungen auf dem Berg in den Alltag in der Ebene um und beginnt zu "wohnen" (Vers 19).
Dem einen Vater, der seine Kinder entführt hat, ist das nicht gelungen. Er hat sich selbst umgebracht. Möge es dem anderen und vielen anderen Vätern gelingen.

