Hohes Lied
16.03.2012
Wo ist die Mitte der Schrift? Zwischen Zimt und Weihrauch
Ich mache mich - mathematisch exakt und spielerisch leicht - auf die Suche nach der Mitte der Bibel. Ich finde den Garten der Liebe und darin den spannungsvollen Raum zwischen Zimt und Weihrauch. Und ruhe in der Mitte mit einer Frage...
Ich mache mich auf die Suche nach der Mitte. Nach der Mitte
der Bibel. Ich tue es für einmal mathematisch exakt, allerdings nicht ohne eine
gewisse spielerische Leichtigkeit.
Ich nehme also meine Bibel und stelle sie vor mich auf den Tisch. Mit dem
Buchrücken nach unten und den Seiten nach oben. Dann gehe ich mit meinen beiden
Daumen in die Mitte der Seiten, ziehe sie leicht auseinander und lasse die
beiden Buchhälften auseinander fallen. Die Bibel liegt – in der Mitte
aufgeschlagen vor mir. Was ist die Mitte? Es ist das fünfte Kapitel des Hohen
Liedes. Das ist die Mitte meiner Bibel. Meine Mitte. Probieren Sie es mit Ihrer
Bibel aus. Vermutlich finden Sie eine andere Mitte. Das hängt von der Bibel ab,
die Sie verwenden, vom Zustand des Buches – ganz neu oder recht zerlesen - ,
von ihrem Augenmass und ihrer Fingerfertigkeit. Sie werden ihre eigene Mitte
finden und eine bessere hätten Sie nicht finden können. Wenn Sie eine
christliche Bibel verwenden, ist die Chance gross, dass Ihre Mitte sich in den
Psalmen befindet, im Buch der Sprichwörter oder im Buch Kohelet. Oder eben wie
bei mir im Hohen Lied der Liebe. Auf der Seite, die ich als Mitte aufgeschlagen
habe, singen zwei Liebende über einander. Sie sind unermüdlich im Erfinden von
Bildern für die Schönheit der Anderen und des Anderen. „Mein Geliebter ist
weiss und rot… Sein Haupt ist reines Gold … seine Augen sind wie Trauben …
seine Lippen wie Lilien … sein Mund ist voll Süsse, alles ist Wonne an ihm.“
„Schön wie Tirza bist du, meine Freundin, lieblich wie Jerusalem, prächtig wie
Himmelsbilder … Dein Haar gleicht einer Herde Ziegen, die von Gilead
herabziehen, Deine Zähne sind wie eine Herde von Mutterschafen, die aus der
Schwemme steigen.“
Die Bilder, die die Liebenden füreinander brauchen, mögen nicht unsere sein. Sie
stammen aus einer anderen Zeit und aus einer anderen Kultur. Aber sie berühren
uns trotzdem. Sie rühren eine Sehnsucht in uns an. Die Sehnsucht zu lieben und
geliebt zu werden. Das ist eine gute Mitte für die Bibel. Das ist eine gute
Mitte für mein Leben.
Bleiben wir in der Mitte, die ich gefunden habe. Bleiben wir mathematisch exakt
und spielerisch leicht. Meine Mitte der Bibel ist das Hohe Lied der Liebe. Was
aber ist die Mitte des Hohen Liedes? Das Hohe Lied ist wie jedes biblische Buch
in Kapitel und Verse eingeteilt. Das erleichtert die mathematische Suche nach der
Mitte. Das Hohe Lied hat 117 Verse. In der Mitte steht also der 59 Vers. Er
lautet: „Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, alle Weihrauchbäume, Myrrhe und
Aloe, allerbester Balsam“ (Hld 4,14). Der Geliebte beschreibt seine Freundin
als Garten, ja genauer noch als Quelle des Gartens, als einen Brunnen lebendigen
Wassers, das all die genannten duftenden Pflanzen tränkt und nährt. In diesem
Garten, an diesem Brunnen sind wir in der Mitte der Mitte der Bibel. Und von
dieser geheimnisvollen und wunderbaren Mitte aus lassen sich zwei weite Bögen
schlagen, einer an den Anfang und einer ans Ende der Bibel.
Der Bogen von der Mitte an den Anfang führt von der Quelle im Garten der Liebe
in den Garten Eden. Im ersten Buch der Bibel, in Genesis 2 heisst es: „Da legte
Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den
Menschen … Gott, der Herr, liess aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen,
verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten … Ein Strom entspringt in Erden,
der den Garten bewässert“ (Gen 2,8-10). Wir leben jenseits von Eden. Das
Paradies ist verloren. Aber im Garten der Liebe können wir den Duft des
Paradieses schmecken und vom Wasser des
Lebens trinken. Wir spüren mit allen Sinnen, wie Gott uns erträumt hat. Diese
tiefe und tragende Urerfahrung ist unser ganzes Leben hindurch gegenwärtig.
Anfang und Mitte sind eins.
Der Bogen von der Mitte ans Ende der Bibel führt von der Quelle im Garten der
Liebe in den Himmel auf Erden, ins himmlische Jerusalem. Der Visionär Johannes
sieht dort, was Gott ihn sehen lässt: „Und er zeigte mir einen Strom, das
Wasser des Lebens … Zwischen der Strasse der Stadt und dem Strom, hüben und
drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat
einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker“ (Offb 22,1-2).
Das Bild vom Garten und seinen Früchten ist auch Bild für die erfüllte Zukunft
der Welt und der Menschen. In unserer Geschichte haben wir Menschen die Welt
und die Mitmenschen oftmals verwundet. Die Geschichte ist voller Leid und
Gewalt. Heilung ist bitter nötig. Die Liebe der Liebenden im Garten ist ein
Heilmittel für die Welt. In jeder Liebe ist der verheissene Himmel auf die Erde
gekommen.
Treiben wir die Sache auf die Spitze. Was ist in meiner Bibel die Mitte der
Mitte der Mitte? Der Vers in der Mitte des Hohen Liedes zählt acht Gewächse im
Garten auf: „Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, alle Weihrauchbäume, Myrrhe
und Aloe, allerbester Balsam“ (Hld 4,14). Die Mitte von Acht? Das ist nicht die
Vier, aber auch nicht die Fünf. Die Mitte von Acht sind die Vier und die Fünf. Oder es ist der Raum
zwischen vier und fünf. Oder die spannungsvolle Beziehung zwischen vier und
fünf. Das ist typisch für die Bibel: Ihre Mitte ist nicht eindeutig. Ihre Mitte
ist ein Raum, eine spannungsvolle, eine dynamische Beziehung. Ihr Bild von Gott
zum Beispiel steht in der Spannung zwischen Gott, dem Barmherzigen und Gott,
dem Gerechten. Und das Reich Gottes, das Jesus verkündet, ist schon angebrochen
und steht doch noch aus. Welcher Raum spannungsvoller Beziehungen tut sich in
der Mitte des Verses aus dem Hohen Lied auf? Im Raum in der Mitte dieses Verses
wächst der Zimt neben allen Weihrauchbäumen. Was für ein Raum tut sich zwischen
Zimt und Weihrauch auf?

