Thomas Markus Meier
06.05.2013
Ach-Weh-Allergie
Stockte bei der Pfingst(Radio-)predigt. Die Leseordnung inspirierte mich kaum. Wer allererstmals keinen der vorgeschrieben Texte auslegen, ebensowenig einen (wie sonst fast ausnahmslos) erttestamentlichen, und eine weitere Premiere ist, dass ich Bibel-Zitate nicht durch einEn SprecherIn lesen lasse. Hat vielleicht alles mit Pfingsten zu tun?! Item: Als Einstimmung las ich dann von Felix Senn den Traktat "Der Geist, die Kirche und die Hoffnung".
Obgleich mit Genuss, so doch mit einem leisen Anflug von Ärger. Hat mit meiner "Ach-Weh"-Allergie zu tun. Sprich: Ich trichtere meinen KursteilnehmerInnen immer wieder ein, auf das Vierbuchstabenwort zu verzichten. Nicht geschrieben, aber (pseudo-)ausgesprochen. Gemeint das Tetragramm JHWH für den Gottesnamen. Denn:
1.) wissen wir schlicht nicht, wie es auszusprechen wäre, und wenn wir es wüssten, so wäre es dennoch
2.) ehrfürchtig zu verschweigen. Ich schreibs jetzt ein einziges mal aus, in der Hoffnung, es würde dann meist gestrichen / ersetzt. Jahwe. Ursprünglich meinte mann vielleicht, damit eine Nähe zum jüdischen Urgrund der Bibel auszudrücken - übertrat aber ein Tabu. Und, wie gesagt, wir wissen ja gar nicht wie aussprechen. Die LXX verschärft übrigens das Verbot, den Namen Gottes zu lästern, dahingehend, ihn schon gar nicht auszusprechen. Wie wärs, in Büchern wirklich JHWH zu schreiben - die meisten lesen ja eh leise...!
29.04.2013
Fusswaschung
Wer Fusswaschung hört, denkt schnell an die johannäische Abendmalsszenerie. Jesus wäscht den Jüngern die Füsse (und Petrus die Kappe?). Untenstehender Holzschnitt zeigt eine Fusswaschung, die so explizit NICHT überliefert ist in der Bibel… Und in Unschuld darf sich der Zaungast später dann die Hände auch nicht waschen. Kunstgeschichtlich find ichs gekonnt, wie mit wenigen Strichen das Unterwasser gezeigt wird. Es gibt’s ja auch, nach gewissen Geschehen, dass mann/frau untergetaucht sein möcht. Immer wieder faszinierend, wie wasserklar die Bibel solches nicht ausblendet und verschweigt.
Zwischen Ostern und Himmelfahrt
Zwei eher ungewöhnliche Osterdarstellungen: Nicht die Begegnungen des Auferwecken mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, nicht die Erinnerungen ins Bild gebracht, wie sie die Apostelgeschichte und die Evangelien beschreiben… sondern die Weiterentwicklungen der frühen Kirchen- und Dogmengeschichte (vgl. das neuste WUB-Heft: „Streit um Jesus. Gott und Mensch?“). Die beiden Holzschnitte von Lucas Cranach d. Ä. zeigen das Christkind über dem Grab. Krippe und Kreuz mal nicht in einem Weihnachtsbild, sondern einem Osterbild kombiniert. Fast schon berserkerhaft dann Christus in der Vorhölle. Die Pforte des Totenreiches öffnen sich nicht einfach spielend, sondern der Heiland muss da kräftig Hand anlangen. Wie bei der Austreibung der Händler im Tempel ist er gepackt von einem heiligen Zorn. Da dringt noch etwas historisch-menschliches ins mythisch-überhöhte.
24.04.2013
Übersetzungsglück
Nach wie vor: Die Allioli-Übersetzung in vielen Kunstbibeln, wohl eingescannt, hat einige unverzeihliche Druckfehler… Nicht nur die „rinder-gebärdende Eva“, sondern auch in Amos 6,14 wird Israel gerügt, dass es „Richtigem“ nachlaufe, statt „Nichtigem“. Dabei gehen schöne Vulgata-Formulierungen fast vergessen. Wenn etwa Ortsnamen nicht historisch, sondern als zusätzliches Interpretament übersetzt werden. Im 1. Micha-Kapitel tauchen so unvermittelt die BewohnerInnen des Schweizer Städtchens Zug auf…
22.04.2013
Neues Testament am Anfang oder am Ende?
Der Diözesanvorstand des SKB Basel besuchte letzten Freitag die „Bibelstadt“ Stuttgart. Bei der Bibelgesellschaft erfuhren wir von neuen Bibelausgaben in der Pipeline. Etwa die „Basisbibel“ oder die „Neue Genfer Übersetzung“. Beide gibt’s schon als NT+Psalmen.
Bei der Basis-Bibel musste allerdings das NT neu überarbeitet werden, nachdem die Psalmen vorlagen. Damit Psalmzitate klar werden. Das liegt daran, dass meist mit dem NT zu übersetzen begonnen wird. Theologisch etwas fragwürdig. Denn das NT baut auf dem Ersten Testament auf. Es muss wie nachträglich das Fundament nachgeliefert werden. Ähnlich erleb- / erlesbar im Prospekt „Die Gideons International“: Es ist gerade mal EIN Bibelzitat abgedruckt, um das Anliegen darzustellen (Jesaja 55,11: „Gottes Wort kommt nicht leer zurück.“) – just ein Zitat aus dem Ersten Testament, das also NICHT abgedruckt ist in den aufgelegten Gideonsbibeln (NT+Pslamen+Sprüche).
05.04.2013
Eine etwas andre Gottesgeburt
„Sollte ich, der die Frauen gebären lässt, ihnen den Schoss verschliessen?“ – so fragt Gott im letzten Kapitel des Jesaja-Buches (Jes 66,9). In der Vulgata des Hiernonymus wird das ganz anders übersetzt: „Soll ich, der ich andere gebären mache, selbst nicht gebären?“ Und weiter: „...ich, der ich andern Nachkommenschaft verleihe, unfruchtbar sein?“
Hier spüre ich eine Dynamisierung des Gottesbildes heraus. Er ist nicht nur der, der den Schoss öffnet oder verschliesst, sondern er / sie bringt ihren eigenen Schoss ins Spiel. Kein „Unbewegter Beweger“ ist Gott, sondern lebendig und fruchtbar. Ein paar Verse vorher (be-) schreibt auch die hebräische Bibel: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“ Weibliche Gottesbilder. Nicht nur die „Gottgeburt in mir“ der Mystik(erInnen) – sondern auch Gottes Geburt, dass die Gottheit gebiert, fruchtbar ist. Das ist der Doppelpunkt der zum Schluss-Hoffnungsbild des Jesajabuchs führt: dem Traum einer neuen Erde und eines neuen Himmels. Soll ich so sagen: Die jüngste katholische Kirchengeschichte lässt aufdämmern, dass Gott immer wieder für eine Überraschung gut ist?
27.03.2013
Spinnrocken-Evangelium
Aus einer Vorrede aus einem Volksbuch aus dem Jahr 1537: „Weil die erste Frau als edle Gestalt geschaffen und vollendet worden ist, deswegen sind alle Frauen von Natur aus edel, schön, fein, häuslich, lebensvoll, ja so scharf- und feinsinnig, dass sie genau Bescheid wissen“ –
Und zwar: über die Vorzeichen, die sie von Leuten, Vögeln, Vieh abläsen – und dann kommt eine ganzer Plunder voller abergläubischer Vorstellungen. Leider scheint das Frauenlob nur ironisch gemeint zu sein…
20.03.2013
Es kommt auf die Blickrichtung an
...so eine wichtige Botschaft meiner Radiopredigt zu Palmsonntag. David (links) schaut hoch zum Kreuz. Läsen wir aber Psalm 22 NUR auf die Passion Jesu hin, dann fehlten die Stiere von Baschan, der Löwe. Die Blickrichtung im Sinne einer Vorherschau kann problematisch sein. Ganz anders der Blick Jesu: Sein Leiden wird gedeutet auf dem Hintergrund von Psalm 22. Die Schrift wird lesbar auf das aktuell Erfahrne - als EINE, nicht als DIE EINZIGE Möglichkeit. Und: Christi Leiden öffnet den Blick für anderes Leid...
12.03.2013
Der Büffel als Einhorn - eine radiophone Bildmeditation
Am Palmsonntag hab ich Radiopredigt. Die Lesung wär die selbe meiner vorletzten Radiopredigt - weiche also aus und wähle den Antwortpsalm. Psalm 22, Jesu Leidenspsalm. Versuche eine Bildbetrachtung - und das am Radio. Etwa die Büffel, die den Heiland bedrängen. In der Vulgata wird aus den Büffeln ein Einhorn. Siehe Bild... Und meine Predigt macht aus dem Palmsonntag einen Psalmsonntag ;-)
08.03.2013
ANIMALI
Im Landesmuseum grad eine Ausstellung zu Tieren und Fabelwesen. AUCH ein Beispiel für Europas Prägung durch Athen und Jerusalem - das Erbe aus Antike und Bibel...
Hatte erst grad ein Buch fertige gelesen über biblische Bilder, die "laiisiert" worden sind, ins Profane übertragen. Und zwar erotisiert statt spiritualisiert. Beispiele waren da abgebildet liturgische Wassergefässe "Aquamaniles" - wusst gar nicht, dass es so was gibt. Oder elfenbeinerne Minnekästchen mit Liebespaaren und Liebeswerben... Unerwartet hab ich jetzt für beides auch Beispiele gesehen in der Zürcher Ausstellung... Auch wenn's um Tiere geht, kommt öfter mal Bibel vor. Ob in belebten Initialen, oder biblische "Realien" wie Tetradrachmen, oder ob in liturgischen Stoffen mit eingewebten Tieren. Ganz zu schweigen von den mittelalterlichen Wundermären und Heiligenlegenden. Auch wenn wie gesagt Bibel eigentlich nicht Thema ist, ein Lehrplätz, wie unsre Kultur von Bibel und Antike getränkt ist.
06.03.2013
Aus José Samarago: Kain
„Zu jener Zeit waren Verwünschungen wahre literarische Meisterwerke, sowohl in der Kraft ihrer Intention als auch in der Ausdrucksform, in der sie sich niederschlugen, und wäre Josua nicht ein so durch und durch roher Mensch gewesen, könnten wir ihn uns heute zum stilistischen Vorbild nehmen, zumindest was das wesentliche, von der Moderne so selten in Anspruch genommene Rhetorikkapitel der Flüche und Verwünschungen angeht.“ Der ganze Roman eine Anfrage an Gott – und an die Bibel. Tut gut, sich von einem Atheisten mal wieder das Sperrige vorführen zu lassen. Auch wenn viel Schwieriges / Schreckliches in der Bibel „nur“ litararische Fiktion ist, so lehrt Samaragos Fiktion wieder neu das Fürchten…
Der ganze Roman eine Anfrage an Gott – und an die Bibel. Tut gut, sich von einem Atheisten mal wieder das Sperrige vorführen zu lassen. Auch wenn viel Schwieriges / Schreckliches in der Bibel „nur“ litararische Fiktion ist, so lehrt Samaragos Fiktion wieder neu das Fürchten…
24.02.2013
***Vaseline***es läuft wie geschmiert***Vasella***es läuft wie geschmiert***Vaseline***
Einst hätte er Radioprediger werden sollen, bei Radio Vatikan. Ich hatte umgehend der Redaktion ein zorniges Mail geschickt, und (lateinisch!) den Jakobusbrief zitiert. Die Mahnung, sich nicht blenden zu lassen von den Grosskotzenten, sozusagen. Tags drauf schon ein Dementi. Nicht etwa wegen meinem Mail, sondern weil man im Vatikan mittlerweile herausgefunden hatte, dass Novartis AUCH die PILLE produziert. Ja, wie ist das nun mit dem Reichtum? Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Reich der Himmel. 1331 hat der Zisterziensermönch Guillaume de Digulleville einen Traum / eine Vision, über die (Lebens-)Reise ins himmlische Jerusalem. Dort sieht er einen Schlupfweg, wie ein Kamel doch noch durchs nadelöhr kommt, rsp. ein Reicher in den Himmel. Petrus lässt ein durch das Loch in der Stadtmauer – allerdings muss mann/frau sich ganz arm machen. Sogar die Kleider ausziehen, so eng ist der Durchschlupf. Ein 42-Mio-„Verzicht“ reicht da nicht, Herr Fast-Prediger Vasella!
22.02.2013
40 Tage...
Die 40 Tage Tastenzeit vor Ostern erinnern an 40er-Zeiten in der Bibel: 40 Jahre Wüstenwanderung, davon 38 Jahre langweilig und ereignislos (so meine Predigt Sonntag in einer Woche in Riniken anlässlich der Bibelausstellung); oder 40 Tage Verhöhnung und Unwohlsein: Im Vorfeld des Kampfes David gegen Goliath. Wir lesen biblische Geschichten öfter mal im Schnellzug Tempo. Und überlesen dann, wie geschlagene 40 Tage lang Goliath immer die Israeliten herausforderte. Wie muss es Goliath ergangen sein, 40 Tage auf Geheiss zu verhöhnen? Wie muss es überhaupt Goliath ergangen sein? Ein neuer Comic zeigt die 40 Tage aus der Gegensicht. Lakonisch. Kriegskritisch. Tragisch.
20.02.2013
Nachgeliefert: Bild aus Uta-Codex
Bin am Üben, Bilder einzufügen ;-) Da sehen wir in einem kleinen Eckmedaillon Christus als das schöpferische Wort, von Gott nicht am Wickel genommen, sondern am Heiligenschein gehalten. Zwischen Christus und Land und Wasser spannt sich das Sternenband. Ozean fläzt sich lässig auf einem Meeresungeheuer (gar dem Leviathan?)
Nach hinten gestrählt
Die Hirten auf dem Felde: Kein frommes Gesäusel, sondern was sie hören, lüpft ihnen den Hut, und strählt die Haare nach hinten.
18.02.2013
Übersetz(ung)en
Das wird Thema sein des nächsten „Bibel heute“ –Heftes. Bin gespannt. Denn Übersetzungen sind nicht nur ein Hilfsmittel, das sich „nur“ annähert ans Original, sondern sie können dieses auch erweitern, weiterführen.
In Deuteronomium (5 Mose) 20 ist die Rede von Dispensationsgründen für die Schlacht. Wer ein neues Haus gebaut, aber noch nicht bezogen hat; wer sich verlobt hat, aber noch nicht Hochzeit gefeiert – sie alle sind vom Krieg dispensiert. Und eben auch, in Vers 20, wer einen Weinberg angelegt hat und noch nicht… was noch nicht?
Im Hebräischen noch nicht „geweiht“, noch keine erste Lese gehalten hat. Also noch nicht selber von den Trauben genossen. Was erst im fünften Jahr erlaubt war, die Früchte der ersten drei Jahre blieben unberührt, im vierten Jahr waren sie gottgeweiht. Weil das hebräische „geweiht“ auch „entweiht“ bedeuten kann, übersetzt die LXX euphemistisch: „Wer sich noch nicht an seinem Weinberg e r g ö t z t hat“. Die LXX macht klar, es geht drum, vom Kriegsdients zu befreien, wer noch nicht in den G e n u s s seines Weinbergs gekommen war. Interessant – und Grund für diesen Blog – die Übersetzung in der Vulgata. Lateinisch ist jetzt die Reden von „esse communem“ – etwa so erweitert: „Wer hat einen Weinberg gepflanzt und noch nicht g e m e i n n ü t z i g gemacht, dass alle davon essen dürfen? Der…“ Gottgeweiht wird hier exemplifizert zu gemeinnützig gemacht. Find ich schön. Eigentum soll allen zugute kommen. Es gibt ein „kommunes“ Interesse. (Im Übrigen würde da zum Beispiel auch die Steuergerechtigkeit gehören. Oder: ein Vasella wird sich nie kaufen können, was er mit mehr Bescheidneheit und Gemeinnützigkeit erworben hätte: Respekt).
04.02.2013
Theater
Nach Genesis und Exodus jetzt wieder ein Bibel-Theater: Diesmal ein langes Gespräch von Vater und Sohn... Sie hätten einfach die Bibel gelesen - ohne Kommentare, ohne Hintergrund. Entsprechend platt und plakativ dann die Kritik am Macho-Gott. Schade!
28.01.2013
„Paradies-Ort. Selbstschussanlagen und eiserne Fussfallen.“
So warnt ein Schild, das 1825 vor einem Landschaftsgarten bei Kent aufgestellt worden war. Ganz entgegen dem Klischee, dass der „englische Garten“ Freiheit und Naturnähe symbolisiere, und zu recht seinen Vorgänger, den Barock-Garten abgelöst habe. Nur: Die englischen Gärten waren oft für eine geschlossene Gesellschaft gedacht. Barockgärten hingegen waren offen nach innen und aussen – hier war weniger formelle Begegnung erlaubt, und sie waren als erste für ein Publikum geöffnet. Und vor allem ist der Barockgarten begrenzt, er geht nicht unmerklich in die Landschaft über. Eine elementare Beschränkung: Auch ein noch so absolutistischer Herrscher hat seine Grenzen vor Augen. Der Barockgarten spiegelt den „hortus conclusu“, das geschlossene Paradieses-Gärtlein. Mit einer nach inne gewendeten Unendlichkeit. Jahre ist’s her, dass das Schweizerische katholische Bibelwerk seine Mitgliederversammlung im Pilgerhospiz Mariastein abhielt, mit seinem grossen, vielgestaltigen Garten – und der Gartenthematik in der Bibel. Nachgetragen sei hier eine Reklame zu einem interessanten Essay meines Lieblings-Kunstgeschichtlers: Horst Bredekamp. Leibniz und die Revolution der Gartenkunst. Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter. Nicht nur ein „schräges“ Buch (vgl. S. 85 ff: Der scheinbar geometrisch konstruierte Schachbrett-Garten hat keine rechte Winkel!)… Als Blütenlese endlich ein Zitat, das ich mir anstreichen musste: „Die »winzige Abweichung« ist ihm jene Regel des Zufalls, die alle Lebendigkeit und alle Schöpfung bedingt.“ (S. 88)
Jahre ist’s her, dass das Schweizerische katholische Bibelwerk seine Mitgliederversammlung im Pilgerhospiz Mariastein abhielt, mit seinem grossen, vielgestaltigen Garten – und der Gartenthematik in der Bibel. Nachgetragen sei hier eine Reklame zu einem interessanten Essay meines Lieblings-Kunstgeschichtlers: Horst Bredekamp. Leibniz und die Revolution der Gartenkunst. Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter. Nicht nur ein „schräges“ Buch (vgl. S. 85 ff: Der scheinbar geometrisch konstruierte Schachbrett-Garten hat keine rechte Winkel!)… Als Blütenlese endlich ein Zitat, das ich mir anstreichen musste: „Die »winzige Abweichung« ist ihm jene Regel des Zufalls, die alle Lebendigkeit und alle Schöpfung bedingt.“ (S. 88)
19.01.2013
Sperrige Texte und wenig Musikgehör
An einem geselligen Kirchenanlass preichte es mich gestern Abend neben eine Organistin, die meine kontrapunktischen (kontroversen) Anfragen an „Kirchenzucht und Doppelmoral“ sozusagen schönreden und wegharmonisieren wollte. Heute stosse ich dann in der Bibellektüre auf einen jener Texte, die mich am sperrigsten dünken für eine Aktualisierung – und mit dem ich jedesmal wieder ringe. Heute also die passendste Kontra-Lektüre zu gestern Abend. Es kann immer wieder passieren, und lässt mich manchmal fast etwas verärgert zurück: „Hardcore-Laien“, die den Ist-Zustand der katholischen Kirche schön reden, und Null Musikgehör haben für Anfragen, Kritik, Alternativen. Konkret gings unter anderem um die Themen Doppelmoral, Pflichtzölibat. Soll – wie in der Pfarrei-Inititiave – benannt werden, was lätz läuft; sollen Grenzüberschreitungen nicht heimlich, sondern offen und lauter (im doppelten Wortsinn) gewagt werden?... Ich kann wenig anfangen, wenn es so heisst, Doppelmoral sei ja gar nicht schlimm. Betroffene Frauen seien selber schuld, frau müsse sich ja nicht einen Priester als Sexualpartner angeln. Es solle doch jeder mann leben dürfen, wie er wolle… Ich frage dann zurück: Kein Priester ist zu einem Doppelleben gezwungen. Mann kann wirtschaftlich überleben, auch wenn das Priesteramt aufgegeben werden muss. In der Schweiz liegt sogar eine Anstellung in der Pastoral drin… Was ich im Gespräch öfter so herausspür (oft grad von Frauen), dass ein Priester – fast möchte ich sagen: zum anhimmeln – gut tut. Da will sich frau nicht die Sache vermiesen lassen, wenn der Pflichtzölibat AUCH (nicht nur er) schuld ist an Doppelmoral, an Missbrauch, Pädophilie… Persönliche Lebenserfahrungen („Ich hätte schliesslich auch nie einen Landwirt heiraten mögen“) sind dann meiner Meinung nach nicht vergleichbar mit offiziellen kirchenamtlichen Vorschriften / Einschränkungen (die schweizerische Bischofskonferenz etwa rief in Erinnerung, dass die Priester gefälligst jungfräulich zu leben hätten). Und jetzt vor diesem Hintergrund also zum Bibeltext. Da stehen mir einerseits Eldad und Medad lieb vor Augen (Num 11, 24-39): Wie Gottes Geistkraft weht, wo und wie sie will. Auch über Lagergrenzen hinaus. Mose will nicht abwehren: Wenn doch das ganze Volk zu Propheten würde! Der link zu heute: Frauen und Männer spüren eine Berufung, die im katholischen Kirchensystem nicht vorgesehen ist. Und Numeri sagt: Wehrt ihnen nicht. So weit so schön – um so sperriger die Gegengeschichte: Numeri 16 – Korach, Datan und Abiram. Mir graut vor einem link ins heute. Da begehren drei auf und sagen, wieso nicht auch wir? Alle sind heilig, alle gehören zum Volk Gottes. Ihr nehmt euch zu viel heraus. Eine Art Laien-Bewegung gegen die Priester-Hierarchie von Mose und Aaron. Mose kontert: Nur wen der EWIGE erwählt, darf sich dem Heiligen nähern. Schuster bleib bei deinen Leisten, Laien, kommt dem Altar nicht zu nahe. Die Geschichte wird böse ausgehen. Mose kündigt „etwas ganz Aussergewöhnliches“ an – und tatsächlich: Die Erde tut ihren Mund auf, und verschlingt jene Stänkerer, die zuvor ihren Mund aufrissen gegen Mose. Problem gelöst durch unter den Tisch wischen – und zwar nicht nur metaphorisch: Problem gelöst durch eine Art Höllenfahrt. Wäre der link so: Wer sich das (Prister-)amt anmasst, fahre zu Hölle!? Nur: Wir können uns fragen, wer schimpft: „Ihr nehmt euch zu viel heraus!“? In Numeri wird dieser Vorwurf von Unten nach Oben formuliert. In der Katholisch-Kirchen-Situation ist es ja eher umgekehrt. Da reklamieren die Oben nach Unten, ihr nehmt euch zu viel heraus… Der Clou aber für mich: Es kommt zu einer Art Gottesurteil. Mose sagt nicht einfach, das geht nicht und basta, sondern er will es drauf an kommen lassen. Sollen doch die, die sich berufen fühlen, mal opfern. Mal sehen, wie das rauskommt. Dieser link öffnet meine Phantasie: Wie wäre es, mal auszutesten, ob es tatsächlich nicht auch anders ginge? Kann sein, dass einige dabei auch untergingen, Opfer würden. Aber werden nicht schon jetzt zu viele zu Opfern, leiden unter der Situation? Und in Numeri geht es um ein Erb-Priestertum. Das ist was anderes, als eine Kaste, die ihre eignen Pfründe verteidigt. Das „Ihr nehmt euch zu viel heraus!“ klingt heute halt doch anders als in Numeri 16. In der Kirchengeschichte emel gabs auch immer wieder Grenzüberschreitungen, die zunächst als unerhörte Übertretung gewertet wurden, sich aber später als erhörte Transzendenz, als geistgewirktes Weiterschreiten deutbar wurden. Auch in Numeri wurden die Gerätschaften, die nach dem Gottesfeuer übrig blieben, aus der Asche geborgen und zu Altarplatten umgehämmert. Immerhin, auch wenn der Text sperrig bleibt, immerhin geht nicht alles verloren, und auch der Altar bleibt nicht unverändert.
Es kann immer wieder passieren, und lässt mich manchmal fast etwas verärgert zurück: „Hardcore-Laien“, die den Ist-Zustand der katholischen Kirche schön reden, und Null Musikgehör haben für Anfragen, Kritik, Alternativen. Konkret gings unter anderem um die Themen Doppelmoral, Pflichtzölibat. Soll – wie in der Pfarrei-Inititiave – benannt werden, was lätz läuft; sollen Grenzüberschreitungen nicht heimlich, sondern offen und lauter (im doppelten Wortsinn) gewagt werden?... Ich kann wenig anfangen, wenn es so heisst, Doppelmoral sei ja gar nicht schlimm. Betroffene Frauen seien selber schuld, frau müsse sich ja nicht einen Priester als Sexualpartner angeln. Es solle doch jeder mann leben dürfen, wie er wolle… Ich frage dann zurück: Kein Priester ist zu einem Doppelleben gezwungen. Mann kann wirtschaftlich überleben, auch wenn das Priesteramt aufgegeben werden muss. In der Schweiz liegt sogar eine Anstellung in der Pastoral drin… Was ich im Gespräch öfter so herausspür (oft grad von Frauen), dass ein Priester – fast möchte ich sagen: zum anhimmeln – gut tut. Da will sich frau nicht die Sache vermiesen lassen, wenn der Pflichtzölibat AUCH (nicht nur er) schuld ist an Doppelmoral, an Missbrauch, Pädophilie… Persönliche Lebenserfahrungen („Ich hätte schliesslich auch nie einen Landwirt heiraten mögen“) sind dann meiner Meinung nach nicht vergleichbar mit offiziellen kirchenamtlichen Vorschriften / Einschränkungen (die schweizerische Bischofskonferenz etwa rief in Erinnerung, dass die Priester gefälligst jungfräulich zu leben hätten).
Und jetzt vor diesem Hintergrund also zum Bibeltext. Da stehen mir einerseits Eldad und Medad lieb vor Augen (Num 11, 24-39): Wie Gottes Geistkraft weht, wo und wie sie will. Auch über Lagergrenzen hinaus. Mose will nicht abwehren: Wenn doch das ganze Volk zu Propheten würde! Der link zu heute: Frauen und Männer spüren eine Berufung, die im katholischen Kirchensystem nicht vorgesehen ist. Und Numeri sagt: Wehrt ihnen nicht. So weit so schön – um so sperriger die Gegengeschichte:
Numeri 16 – Korach, Datan und Abiram. Mir graut vor einem link ins heute. Da begehren drei auf und sagen, wieso nicht auch wir? Alle sind heilig, alle gehören zum Volk Gottes. Ihr nehmt euch zu viel heraus. Eine Art Laien-Bewegung gegen die Priester-Hierarchie von Mose und Aaron. Mose kontert: Nur wen der EWIGE erwählt, darf sich dem Heiligen nähern. Schuster bleib bei deinen Leisten, Laien, kommt dem Altar nicht zu nahe. Die Geschichte wird böse ausgehen. Mose kündigt „etwas ganz Aussergewöhnliches“ an – und tatsächlich: Die Erde tut ihren Mund auf, und verschlingt jene Stänkerer, die zuvor ihren Mund aufrissen gegen Mose. Problem gelöst durch unter den Tisch wischen – und zwar nicht nur metaphorisch: Problem gelöst durch eine Art Höllenfahrt. Wäre der link so: Wer sich das (Prister-)amt anmasst, fahre zu Hölle!? Nur: Wir können uns fragen, wer schimpft: „Ihr nehmt euch zu viel heraus!“? In Numeri wird dieser Vorwurf von Unten nach Oben formuliert. In der Katholisch-Kirchen-Situation ist es ja eher umgekehrt. Da reklamieren die Oben nach Unten, ihr nehmt euch zu viel heraus… Der Clou aber für mich: Es kommt zu einer Art Gottesurteil. Mose sagt nicht einfach, das geht nicht und basta, sondern er will es drauf an kommen lassen. Sollen doch die, die sich berufen fühlen, mal opfern. Mal sehen, wie das rauskommt. Dieser link öffnet meine Phantasie: Wie wäre es, mal auszutesten, ob es tatsächlich nicht auch anders ginge? Kann sein, dass einige dabei auch untergingen, Opfer würden. Aber werden nicht schon jetzt zu viele zu Opfern, leiden unter der Situation? Und in Numeri geht es um ein Erb-Priestertum. Das ist was anderes, als eine Kaste, die ihre eignen Pfründe verteidigt. Das „Ihr nehmt euch zu viel heraus!“ klingt heute halt doch anders als in Numeri 16. In der Kirchengeschichte emel gabs auch immer wieder Grenzüberschreitungen, die zunächst als unerhörte Übertretung gewertet wurden, sich aber später als erhörte Transzendenz, als geistgewirktes Weiterschreiten deutbar wurden. Auch in Numeri wurden die Gerätschaften, die nach dem Gottesfeuer übrig blieben, aus der Asche geborgen und zu Altarplatten umgehämmert. Immerhin, auch wenn der Text sperrig bleibt, immerhin geht nicht alles verloren, und auch der Altar bleibt nicht unverändert.
31.12.2012
Gottes Werk und Luthers Beitrag
So titelt reformiert.ch ein Interview mit Altbischöfin Margot Käßmann. Ein köstlich humorvoller Titel – spielt er doch an auf Irvings Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag"... Luther als was? Für mich sicher eine Art DER MODERNE HEILIGE – als eben nicht nur ein lieber, netter, frommer, sondern ein Mensch in seinen Widersprüchen, in seiner Gebrochenheit, mit seinen Ausrufezeichen und Fragezeichen....
Dank Irving Waisenhausgeschichte begann ich übrigens Dickens zu lesen - so ruft oft eins das andre... Zurück aber zu Luther: Auch die "ZEIT" brachte einen kurzen, informativen Artikel zum Reformator. Was mir neu war: Luther war Fan der Vulgata, und gab auch eine Wittenberger Vulgata heraus. So kommt eins zum andern – siehe meinen gestrigen Blog mit dem Buchtipp zur Vulgata.
Selber les ich immer mal wieder gern in der ersten Luther Vollbibel, eine Reise in unsre Sprachvergangenheit. Oder ich hör Luther-Sprache – genial vertont, durch meinen "Lieblingsheiligen" Johann Sebastian.
Total schade, dass das Luther-Jubiläum nicht zur jesuanisch/evangelischen Total-Überraschung wird: Eigentlich hätte es ökumenisch begangen werden können, auch als Chance, als geistgewirktes z'Underopsi, als katholische Metanoia, als protestantische Öffnung. Stattdessen scharwenzelt ein deutscher Papst in dem Messgewand rum, das einer seiner Vorgänger beim "Rauswurf" des Reformers trug. O verpasste Chancen! O widerbiblische Borniertheit. Gottes Werk und Papstens Kleintrag.

