30 Silberlinge – 40 Dollars
Auch das unterscheidet die Bibel: Nur wenige Romane habe ich bewusst mehrmals, rsp. mindestens eine zweites Mal gelesen. Die Bibel hingegen wird immer mal wieder gelesen – im Gegensatz zu Romanen dafür höchst selten von vorne bis hinten. In den Herbstferien hab ich nun einen 600-Seiten Klassiker verschlungen, den ich eigentlich schon gut kannte.
Ein zweites Mal Lesen lohnt vor allem dort, wo es scheinbare „Jugendbuchklassiker“ betrifft, die in der Schulzeit als gekürzte Abenteuerstory gelesen werden / wurden. Etwa Melvilles Moby Dyck, der nun alles andre ist als ein Jugendbuch. Oder aber Twain Tom Sawyer & Huckleberry Finn: Schon für Twain selber nie ganz klar, ob es nun ein Jungen- und Mädchenbuch werden solle, oder nicht doch was für Erwachsene. 2010 kam nun bei Hanser endlich eine Übersetzung heraus, die textgenau und literarisch anspruchsvoll ist. Eine Übersetzung, die das Buch nicht als Kinderbuch behandelt. In den USA übrigens wurde das Original in den letzten Jahren zensuriert. Und auf politisch korrekt getrimmt. So dass nun aber plötzlich die Sprengkraft, etwa punkto Sklaverei, verloren ging – just durch das Streichen des Worts „Nigger“. Solches vermeidet der Übersetzer und Herausgeber Andreas Nohl.
Vor allem aber bietet er im Nachwort eine überraschende Deutung für den vielkritisierten Schluss. Ich hatte 2006 schon mal Tom Sawyer und Huckleberry Finn in einer „Nicht-Jugendbuch-Ausgabe“ gelesen, und gewerweist, ob ich mir die neue, erstmals nach „historisch-kritischer“ Ausgabe, Übersetzung anschaffen solle – und mich erneut durchlesen. Es hat sich gelohnt. Und das Nachwort gar toppte das Leseerlebnis. In Huckleberry Finn, wovon nach Hemingway die gesamte amerikanische Literatur abstamme, dort müsse man aufhören zu lesen, wiederum Hemingway, wo dem Jungen Jim wegnehme… Denn dort kippt der Roman irgendwie. Das ist schon vielen aufgefallen. Aber es war wohl Twains einzige Möglichkeit, einen Schluss zu finden, der die Wirklichkeit nicht verklärt. Das „formale Scheitern“ spiegelt das Scheitern der Wirklichkeit. Darum kein schlichtes happy End. Sondern, das wird im Nachwort detailliert aufgezeigt, die groteske Sklavenbefreiungsgeschichte strotzt vor Motiven aus der Passionsgeschichte (hab ich selber nicht getscheckt, aber es leuchtet voll ein!).
3 Mal werden leitmotivisch 40 Dollars für das Leben bezahlt, und jedesmal in einer Szene, in der Huck einem Totgeglaubten begegnet. Schluss des Nachworts: „Das Ende des Romans hat etwas Wundersames, Österliches: Der Tortur folgt die Genesung, die Heilung der Wunden. Doch die Wiederauferstehung des Sklaven als freier Mensch nimmt nichts, aber auch gar nichts vom geschehenen Unrecht, geschweige denn von der fortdauernden Unheimlichkeit der Welt.“
Übrigens: Hanser hat tolle Tolstoi-Neuübersetzungen rausgebracht: Anna Karenina, Krieg und Frieden. Hab den Verlag angemailt, ob ich auf „Auferstehung“ warten dürfe – und sie antworteten mir, sie planten tatsächlich auch da eine Neuübersetzung.


Die fortdauernde Umheimlichkeit der Welt