Januar
Sub-Archive
28.01.2011
Die Migros lernt von der Bibel, ohne es zu merken
Sprüche 6,6 empfiehlt, von der Ameise zu lernen. Genau das machen neue Computer-Programme für schlauere Logistik. Der/die Faule solle dank der Ameise etwas weiser werden – diese biblische Mahnung bekommt vielleicht eine neue Färbung – mir aber gar nicht unangenehm.
Der sprichwörtliche Ameisenfleiss steht wohl im Hintergrund, als Remedur gegen Faulheit. Was der biblische Schriftsteller nicht wissen konnte: Ameisen sind auch faul.
Es gibt bei Tierschwärmen erstaunlich effektive Selbstorganisiation, zum Wohle aller, aber ohne expliziten Leader. Ameisen etwa schwärmen aus, wenn zurückkehrende viel Nahrung heimbringen. Da gibt’s offensichtlich was zu holen. Bringen Ameisen nur wenig in den Bau, machen die meisten blau, und nur wenige unternehmen einen Ausflug nach draussen. Was soll grosser Aufwand bei erwartbar geringem Ertrag?
Mann/frau darf ruhig mal kürzer treten, wenn nicht viel läuft. Von der Ameise lernen hiesse so auch: Nicht auf Panik machen, wenn die Zahlen & Renditen nicht steigen. Wer auf Teufel komm raus auf Wachstum setzt, kommt bloss in Teufels Küche.
Gibt’s aber viel, dann kommt eine Ameise auch schwer beladen heim, und steckt die andern an, jetzt auch ranzugehen. Was aber erstaunt: Wie clever sie schwere logistische Probleme lösen: Mit einer Kombination aus Zufall und Erfahrung. Ameisen markieren ihre Wege mit Duftstoffen, und suchen den Weg zur Futterquelle und retour zum Bau aufs Geratewohl. Dabei werden Umwege nach und nach abgeschliffen und optimiert – was sich Duftstrassen zeigt: Wo viele durchgehen, gehen dann auch die andern lang. Das machen jetzt Computerprogramme nach: Sie lassen zufällige Routen ausrechnen und die bewährten werden bevorzugt. Immer wieder etwas Zufall, aber nicht ohne die Erfahrung zu verdrängen – das führt zu optimalen Resultaten.
Die Migros hat’s ausgetestet, und spart so Zeit und Treibstoff. Nächste Ostern soll die Logistik erstmals voll nach Ameisenprogramm fahren. Osterhase by Ameise quasi.
Für mich hat das ganze nicht nur mit Zoologie zu tun, sondern schon auch mit der Bibel. Spr 6,6 jetzt nicht einfach bloss ein Appell an etwas mehr Fleiss, sondern auch ein augenzwinkerndes Aufmuntern, immer mal wieder neue Wege zu wagen. Wenn sie sich bewähren, werden sie auch von andern begangen werden. Wenn nicht, so diente es gleichwohl einem höheren Ganzen. Und auch dem Zufall darf getraut werden, dem Unberechenbaren, dem Unerwartbaren. Zufall vielleicht auch als Chiffre für Heilige Geistkraft. Intuition. Inspiration.
27.01.2011
Vom Sünder zum Heiligen - aber wer nur?
Lil Wayne liest im Knast zum ersten Mal die Bibel. Ob auch er vom bösen Buben zum Heiligen wird?
Letzte Woche im 20Minuten:
„Ich habe zum ersten Mal die Bibel gelesen. Sie ist wirklich tiefgründig. Ich mochte den Teil, wo einer erst Jesus disst und am Ende trotzdem ein Heiliger ist. Das ist cool.“ So der Rapper Lil Wayne (28) über seine Zeit im Knast.
Woran er wohl denkt? Ob er Paulus meint? Oder wer wird im Neuen Testament noch beschrieben, der Jesus „runtermacht“ (das mein etwa dissen) und dann doch zum Heiligen wird?
Woran Lyl Wayne kaum gedacht hat, ist der Überlieferer: Judas. Ich mag die Überlegungen von Walter Jens – „Keine Überlieferung ohne den Überlieferer.“ Gerade Literaten mögen es nicht, Judas einfach zum Sündenbock abzustempeln. Er hatte ja eine Funktion, damit eben Jesus überliefert wurde und so dann die Überlieferung in Gang kam. Die Apostelgeschichte sagt, er ging an den Ort, der ihm bestimmt gewesen sei. Mehr nicht. Wer weiss, ob dieser Ort nicht auch der Himmel war?
Provokant? Und: Welcher Disser könnte sonst noch zum Heiligen geworden sein?
Wer ist er? Genauere Lektüre dank Bildbetrachtung
Manchmal schreibt die Bibel so knapp und schnell, dass Pointen überlesen werden. Zum Beispiel dort, wo Jakob sich seinen Lohn wünschen kann.
Gen 30,35 erzählt, wie „er“ den vorgeschlagenen Lohn ausgesondert habe, und seinen Söhnen übergeben. Ich habe diese Stelle bis jetzt immer arglos gelesen. Zwar wird Laban später vorgeworfen, Jakob hintergangen zu haben. Aber der Diebstahl des Lohns ist so heimlich im Text wie heimlich im Geschehen: Ich verstand, wie gesagt, ganz arglos unter dem „er“ nämlich Jakob. Der hätte dann nach seinem Vorschlag, welcher Teil der Herde sein Lohn sein solle, diese Tiere dann gleich ausgesondert. Nur grad darauf ist noch immer von einem „er“ die Rede, und dieser „er“ muss Laban sein. Wer also die Tiere ausgesondert hat und sie seinen Söhnen zugeschanzt, ist nicht Jakob, sondern Laban. Es wird nicht explizit gesagt, sondern so, dass arglose LeserInnen wie ich, denken könnten, es sei alles mit rechten Dingen zugegangen. Immerhin, wenn einer es dick hinter den Ohren hat, dann ja eh Jakob… Dass der Betrüger zum Betrognenen wird, ist so versteckt und schnell erzählt, dass zumindest ich es bislang jedesmal überlesen habe!
Wie nun erkannte ich meine Arglosigkeit? Wie wurde meine Lektüre genauer? Dank einer Bildbetrachtung. Eine der ältesten Bibel-Bilder-Handschriften überhaupt ist die Wiener-Genesis. Bild 17 / Blatt 9r spielt zuerst diskret auf den Betrug an; Bild 18 / Blatt 9v zeigt den Diebstahl. Die Bilder zeigen zudem, wie fortschrittlich die spätantike Malerei war, und wie wenig mehr bekannt. Ein Faksimile der Wiener Genesis wird demnächst in der „Catholika-Bibelsammlung“ der Aaragauer Kantonsbibliothek einsehbar.

